Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18./20. Juni 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Juni 1927.
Mein liebstes Herz!
Du wirst zu den Tugendpflegerinnen gereist sein u. vermutlich meinen Sonntagsgruß vorher garnicht mehr erhalten haben. Aber heute bin ich nun nach einer verhältnismäßig arbeitsreichen Woche mal wieder in Ruhe bei mir zu Haus u. mit mir allein. Da möchte ich versuchen, Dir zu schreiben. - Wie mag es in Weimar gewesen sein? Du erwartetest Conflikte bei den dortigen Verhandlungen. Das Wetter war in Cassel kühl aber ohne Regen - doch hast Du vielleicht nicht viel "Wert darauf gelegt." - Die Angelegenheit, mit der ich Dich dort plagte, ist zunächst ja garnicht weiter zu behandeln, Ich fand den Zustand des Onkels so viel schlechter, als ich erwartet hatte, sodaß ein Meinungsaustausch ausgeschlossen war. Und Rudi ist dort zunächst ganz unentbehrlich. Er erfüllt sein Pflegeramt mit großer Sorgfalt - u. mit verständnisvollem Eingehen. - Als ich Dir schrieb u. Dich um Rat bat, dachte ich noch, daß eine Entscheidung getroffen werden müßte. Auf alle Fälle wäre ich dankbar, wenn es sich einrichten läßt, daß Du ihm auf den rechten Weg hilfst. Er ist durch das Korpsleben nur zu Ansprüchen u. nicht zu Leistungen erzogen. Vielleicht sagst Du mir, ob Du meinen Vorschlag richtig findest, ihn für
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| das unterbrochene Semester womöglich hierher zu ziehen*. [li. Rand] * Der Zeitpunkt dafür ist noch nicht abzusehen. Seinen Brief, den ich heute empfing, lege ich Dir bei. -
Und auch die mancherlei Lebensäußerungen, die Du mir zu Pfingsten mitschicktest. - Seltsam, wie verschieden sie sind. Fritz Otto schreibt wie ein Stotterer - oder ist er kriegsverletzt u. schreibt mit der Linken? Ich glaube aber, daß er geistig ebenso verquält u. ohne Schwung ist, wie seine Buchstaben. - Viel interessanter u. reifer scheint mir der Kusserow mit seinem ehrlichen Bekenntnis. Und wie frisch u. naiv der Studienstiftler - denn das ist er doch wohl?
Jacobsen habe ich noch nicht wieder gesehen. Ich hatte ihm zum Fronleichnamstage eine Aufforderung zu einem Spaziergang geschickt, hörte aber nichts seitdem. Ich will ihn aber nun mal zum Abendbrot einladen. - Wie ist es eigentlich mit der schriftstellerischen Tätigkeit von Dr. Günther? Ist da schon irgend etwas, was Du mir zu lesen empfiehlst? - Auf den Druck Deiner Manuskripte aus Luzern warte ich mit Ungeduld. Wo wird denn der Vortrag von der "Heilerziehung" gedruckt? Vielleicht als Broschüre? - Daß Du an Fröbel Deine Freude hattest, hörte ich sehr gern. Es ist doch
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| so fein, wenn man mit voller Anteilnahme arbeiten kann. - Wie gern ließe ich mir von Deinen Entdeckungen bei Pestalozzi erzählen; was könnte da sein, wogegen Dein Vortrag oberflächlich! schiene? Ich möchte auch diesen Mann immer tiefer kennen lernen, der es mir angetan hat mit seiner unendlichen Menschenliebe. Das ist das Große, wenn die "allgemeine Sinnlosigkeit, in der wir uns manchmal erstaunt u. manchmal erschüttert befinden" von einem unermüdlichen Willen u. Optimismus überwunden wird.
Man könnte freilich allen Mut verlieren, wenn man heute eine Zeitung in die Hand nimmt. Es ist, als wäre alles aus den Fugen gegangen u. rollte führerlos bergab, wie die Druseltalbahn! Wo damals das Unglück stattfand, habe ich auch in Hofgeismar nicht ergründen könne. Es soll eine neue Strecke sein, die von Goßmann herüber zur Mulangbahn eine Verbindung herstellt u. das Unglück habe nahe beim Palmenbad stattgefunden. Recht genau erklären konnte es niemand.
- Übrigens habe ich jetzt auch einen Lautsprecher gehört; Georg Malcus hat einen sehr guten, der häufig in Tätigkeit gesetzt
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| wird. Was hast Du eigentlich für Pflichten mit der Controlle der deutschen Welle übernommen?
- Daß die Lebensformen wieder in einigen tausend Exemplaren in die Welt hinausgehen zeigt doch, daß das Laienpublikum nicht so verständnislos ist wie die Herren Fachkollegen. Und dabei ist es doch gar nicht so leicht sich hinein zu lesen für den wissenschaftlich Ungeschulten. Ich begreife nicht, wie nicht jeder die große Entdeckung spüren kann, die in dieser Gliederung seelischer Struktur liegt. Wie in der Musik die Tonart, so gibt der geistige Typus den Grundton an, zu dem die anderen Typen in gesetzmäßigem Verhältnis stehen.
- Warum man nur so viel von Psychopathie jetzt spricht? Glaubst Du nicht, daß es diese Erscheinungen auch früher gab, aber daß man sie nicht einfach als Krankheit hinstellte, sondern daß man ihnen mit Urteil u. Tatkraft zu Leibe ging?
- Daß die Aussprüche der Mediciner über "Krankheit" unbedeutend sein würden hatte ich im Voraus erwartet. Daß aber ein Aschoff sagen könnte: "Krankheit ist ... was krank macht" - geht doch weit. Wie richtig Deine Vermutung vom Zusammenhang der Zähne mit dem Gehirn ist,
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| bestätigt Dir die Verhandlung vom zahnärztlichen Kongreß in Graz.

Montag früh. - Am Sonnabend machte die späte Stunde meinem Schreiben ein Ende. Du weißt ja, daß es einen Punkt gibt, wo ich einfach einschlafe. Gestern nun, der Sonntag sollte einer gemeinsamen Unternehmung gewidmet sein u. so zogen dann also der Vorstand, meine Schwägerin u. ich bei leise tröpfelnden Regen! um 9 Uhr ab nach - Wimpfen. Hedwig kannte keine so geschlossene, mittelalterliche Stadt u. hatte große Lust dazu. Der Weg nach W. Tal ist vollständig umgewühlt, all die herrlichen alten Bäume fort u. statt dessen ein Damm aufgeschüttet von etwa 2 m Höhe der nun eine neue Neckarbrücke mit beiden Ortschaften ziemlich eben verbindet. - Im W. Tal war es reizend, ganz still u. weltverloren, wir in der alten Kirche u. dem Kreuzgang allein u. ohne Führer - aber draußen empfing uns dann ein kräftiger Guß. Unter einer der alten Linden benutzten wir ihn zur Frühstückspause u. dann ging es zur Cornelien-Kapelle vor dem Ort, an der ein Relief über der Tür, frühgotisch, vom wunderbarer Feinheit u. Eigenart ist.
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| Dann hieß es wieder den verhunzten Weg zurück nach W. Berg. Unterwegs erneuter Guß, den wir unter einem Brückenbogen abwarten konnten u. von da an wurde es heller u. schöner, bis wir nach mancherlei malerischen u. interessanten Eindrücken im Mathildenbad, das absolut neu hergerichtet u. blitzsauber ist, auf der Terrasse das liebliche Land in stets wechselnder Beleuchtung klar u. sonnig lange bewunderten. Es gab Kaffee u. Erdbeertorte dazu - u. später ging es noch mal durch allerlei eigenartige Gassen, wo es weniger schmutzig war, als Du glaubst, u. wo uns nur gelegentlich ein undefinierbarer Duft an Deine ungünstige Meinung von dem alten Städtchen erinnerte. - Meine Begleitung trennte sich nur ungern davon u. es ging dann - wieder den scheußlichen Weg über W. - Tal nach Jagstfeld, wo wir den B.P. erreichten u. durch das Neckartal heimfuhren.
Hedwig gefällt mir recht gut. Sie ist klug, lebhaft u. witzig, paßt sich sehr freundlich ein u. so vertragen wir uns gut. Wie lange sie noch hierbleibt, weiß ich nicht genau. Im täglichen Leben sehe ich sie beinah
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| nur zu den Mahlzeiten. Denn ich bin ja soviel in der Klinik u. habe außerdem manch dringende Arbeit. -
Ob Du dann wohl die Zeit bei den Jugendpflegerinnen auch außerdem noch etwas zum Naturgenuß anwenden konntest? Ich habe so bedauert, daß Tangermünde Euch so verregnet ist! Uns hat es gestern den Genuß nicht stören können u. war auch nicht so viel, daß es die Wege verdorben hätte. Und etwas Nettes habe ich außerdem noch mitgebracht, 2 rote Rosen, die eine alte Frau mir schenkte, weil ich sie ihr vom Boden aufhob.
Wie ich aus all den Briefen, die [über der Zeile] Du mir mit schicktest, immer neben der persönlichen Eigenart die stille Verbundenheit fühle, die die Menschen bewußt oder unbewußt zu Dir hinzieht! Selbst die Wegscheider kann sich dem nicht entziehen. -
Was aber war mit Frl. Friedberg? War sie tuberkulos? Ich dachte: nervenkrank. Und da liegt der Verdacht nahe, daß sie selbst ein Ende machte - ?
Jetzt aber muß ich hier ein Ende machen u. Dir nur noch viele innige Grüße mitschicken. Möchte es Dir gut gehen!
Immer
Deine Käthe.

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<beigelegter Brief, wie auf Seite 2 erwähnt>
Hofgeismar d. 16.VI.27.
Liebe Käthe!
Entschuldige bitte, daß ich so lange mit Antwort habe warten lassen. Dein Erdbeerpaket hat Vater sehr erfreut, und er dankt sehr herzlich dafür. Er hat die ganze Portion an dem Tage der Ankunft verzehrt.
Vaters Zustand ist den Verhältnissen entsprechen(d) gut. Er ist etwas frischer, nimmt mehr Nahrung zu sich und empfängt gern Besuch. In letzter Zeit hat er mehrmals gebadet. Neuerdings
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| trinkt er täglich eine Flasche Joghurt, die ein Bekannter von mir allabendlich aus Cassel mitbringt. Bedauerlich ist nur, daß Vater sich wenig darüber freut, daß sein Zustand sich bessert. Trotzdem ist sein psychischer Zustand ganz gut, und er lacht immer herzhaft, wenn mal ein Scherz gemacht wird. - Die bisherige Oberschwester hat einen 4 wöchentlichen Urlaub angetreten und ihre Vertreterin, die aus dem Cassler Diakonissenhaus gekommen ist, macht zwar einen recht netten Eindruck, aber sie hat eine Eigenschaft, die ich bei Kran
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|kenschwestern wenig schätze, nämlich, daß sie sehr viel spricht, glücklicherweise stört es Vater nicht. -
Am Mittwoch macht Anneliese einen Klassenausflug an den Rhein. Wenn das Wetter so bliebe, wie es augenblicklich ist, dann wird es allerdings keine reine Freude sein.
Laß es dir gut gehen, und sei herzlich gegrüßt von Vater und Deinem
Rudi