Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juni 1927.
Mein geliebtes Herz.
Nun ist also wieder Geburtstag - eine neue Pentade ist beschlossen! Es ist so manches Dunkle, was mich aus dieser Zeit anblickt; ich weiß aber vor allem von Deinem guten, starken Sein u. Wirken! Ob Dir die Befreiung von den Vorlesungen im Winter die gewünschte Freiheit zu eigner Tätigkeit bringen wird? Mir scheint, daß Du sie durch die 2 beabsichtigten Seminare recht einschränkst? - Sehr viel beschäftigt mich immer die Frage, was sich aus Deiner Beziehung zum Minister entwickeln mag? Wie wünschte ich Dir, daß sich dadurch die Einflußmöglichkeit auftäte, die Deinen Wünschen u. Deiner Bedeutung entspricht. Die wenigen Andeutungen darüber in Deinen Briefen gaben mir kein Bild.
Wie sehr wünschte ich auch, Dir zum 27. eine Freude machen zu können. Aber was ich Dir zu geben habe, ist so unbedeutend; u. mein Herz voll unendlicher Liebe, das
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| ist Dir so altbekannt, daß es Dir vielleicht gar langweilig ist. - Die feinen Leinenbezüge sollten für ein Roßhaarkissen sein, das Du gelegentlich zu haben wünschtest. Nun hat mich aber der Tapezierer im Stich gelassen u. ich kann vorläufig nur die Außenseite schicken, die ich selbst nähte. Und auch eine "Außenseite" ist das Brillenfutteral, das doch ein wenig hübscher ist, als das alte. Um das bitte ich Dich, denn ich möchte es mir bekleben u. damit die bewußte Schachtel ersetzten, die nicht dauerhaft genug ist zum Schutze meiner Brille. - Die 2 gewünschten Aufnahmen von der Reichenau liegen auch dabei. An der Hatto-Zelle kannst Du mit der Lupe die Schrift über der Tür lesen - es ist mir wie symbolisch, daß ich gerade dies antraf bei der Aufnahme für den "Pädagogen".
Ein entzückender Wiesenstrauß steht vor mir, den ich aber leider nicht mitschicken kann, denn er käme ja nur als Heu an. Er ist Dir aber geweiht, denn
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| er ist von der Insel Ketsch. Hedwig wünschte sehr, den Rhein zu sehen, u. da fuhren der Vorstand u. ich gestern mit ihr hin. Es ist jetzt mit der Elektrischen von hier aus kaum schwieriger als nach Neckargmünd u. -steinach. Das Wetter war sehr interessant, wechselnd im Licht u. wir lagerten an der oberen Spitze, wo das hohe Wasser so wuchtig anbrandet. Dann kam eine mächtige Gewitterhusche über uns, u. dann wanderten wir noch auf allerlei neuen Wegen umher u. landeten schließlich beim Enderle u. offenem Wein! Da trank ich natürlich auf Dein Wohl, wie ich Dich auf dem ganzen Wege still herbei sehnte. - Dein rührendes Anerbieten, am 3. Juli Dich Rudis anzunehmen hätte mir ein unverhofftes Wiedersehen geboten. Aber um Deinetwillen bin ich froh, daß es nicht notwendig ist. Oder ist es ein Mißverständnis von mir gewesen, daß ich das "dort sprechen" auf Heidelberg bezog? Ich simulierte noch viel darüber, wie man dem Jungen wirklich helfen
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| könnte. Es ist ganz gewiß nicht günstig, daß alle in der Familie an seiner Besserungsmöglichkeit zweifeln. - Was er mit dem Gelde anfing, weiß er übrigens selbst nicht; es ist ihm unbemerkt durch die Finger gegangen. - Jetzt kommt nun die Nachricht, daß Onkel noch einmal besser wird, Sprache u. Schlucken haben sich wieder hergestellt u. nur die Lähmung der Glieder bleibt bestehen. Wie soll das nur werden, wenn es ein langes Siechtum gibt? Rudi kann doch nicht unbegrenzt bei ihm bleiben. Als ich in Hofgeismar eintraf, rechnete man mit einem raschen Ende, man hatte ja Ila telegraphisch gerufen. Nun im Rückschauen scheint es ungünstig, daß die ganze Familie gerade an einem Tage bei ihm (unvermutet) zusammen traf. Aber wer konnte das ahnen! Nach seinem letzten Brief hatte ich geglaubt, Onkel leidlich frisch u. mit dem Wunsch, über Rudi gesicherte Pläne zu fassen, anzutreffen. Darum schrieb ich Dir sofort, denn wer könnte da besser raten? Jetzt tut es mir leid, denn wie viel lieber hätte ich Dir nach Weimar Anderes geschrieben!
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Hier gehen die Tage still dahin. Für gewöhnlich sehe ich den Vorstand u. meine Schwägerin nur zu den Mahlzeiten - nur Sonntags u. einmal in der Woche mache ich einen Nachmittag frei. Das Wetter ist nach wie vor April. Aber in Norddeutschland muß es laut Nachrichten aus Stolp noch übler sein. - Von Dir höre ich ja so wenig, daß ich mir sehr traurig verwaist vorkomme. Dr. Günther sagt mir, daß in der Erziehung der Artikel über Lindsey erschien, bei ihm sah ich vor Wochen die neue Ausgabe der Lebensformen - ich besitze kein gebundenes Exemplar, außer dem ersten, das ich selbst einband! -
Etwas, das mir einen erstaunlichen u. frohen Eindruck machte, muß ich Dir noch erzählen. In der Bahn nach Ketsch saßen Landleute beisammen u. ein dicker älterer Mann politisierte mit dröhnender Stimme. Da hörte ich unter mancherlei Klagen über die neue Regierung, "die nur Geld fordert u. die bevorzugt, die nichts glauben" die Worte: "das möchte ich noch erleben, daß wir wieder'n Kaiser kriegen". Das ist das erstemal, das ich solches hier
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| zu hören bekam. Überhaupt muß wohl dies unbeschreiblich nüchterne Ketsch doch etwas in sich haben, daß es auch einen so feinsinnigen Künstler hervorbrachte, wie den Architekten seiner Kirche.
Weniger günstig scheint es mir, daß das Frl. v. Tadden jetzt wirklich Leiterin eines "Landerziehungsheims" ist. Sie war mir die Verkörperung der üblen Seite des norddeutschen Junkertums.
- Vorläufig ist noch keine Aussicht, daß ich freie Zeit für die beabsichtigte Radiobadekur bekomme. Die verschiedentlichen Schmerzen sind auch nicht sehr stark eben, nur die Augen wollen zuweilen nicht u. eine allgemeine Müdigkeit lähmt die Energie. - Auch ein Waschkleid müßte ich mir notwendig nähen - gut, daß es diesen Sommer nicht heiß ist. Das tröstet mich auch wegen des Dir zugedachten Kissens.
Den Schluß der Reichstagsverhandlung habe ich noch nicht gelesen. Es scheint ja danach, als ob Rußland vorläufig noch zu keiner Entscheidung drängt. Wie mag wohl ein Jacobsen die Situation
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| betrachten? Ich habe ihn nur ganz flüchtig gesehen, da er immer Anderes vorhatte. So erzählte er mir auf der Straße von einem Slawenfest, das er mitgemacht habe. Ich würde gern einmal von einem persönlichen Vertreter etwas über Kommunismus hören, da ich nur sehr unbestimmte Vorstellungen davon habe.
Meine Schwägerin ist eine sehr angenehme Frau. Ich glaube, Du würdest auch Gefallen an ihr finden. Es ist alles so gerade, echt u. warm empfunden bei ihr. Hier ruht sie die 14 Tage mal aus von den Strapazen ihres großen Haushalts u. man sieht ihr an, daß sie viel aufgesammelte Müdigkeit zu überwinden hat u. leicht angestrengt ist. - Nachher will sie mit mir in die Klinik gehen u. mir bei der Arbeit vorlesen. Sonnabends kommt Prof. Gans nicht, da habe ich das Reich allein. Ob Du wohl heute mit Susanne etwas unternimmst, oder wohl besser erst morgen? Wie trafst Du Frau Riehl das letztemal? Du hattest doch längere Zeit einen sichtbaren
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| Einfluß auf sie. Ist das garnicht mehr der Fall? -
Meinen dicken Brief mit der Rücksendung der verschiedenen Briefe an Dich wirst Du erhalten haben. Die 3 Menschen treten aus den Zeilen förmlich plastisch heraus u. ich könnte meinen, sie kennen gelernt zu haben. - Mit Dr. Günther war ich am Donnerstag um 6 noch für 2 Stunden im Walde bis zum Speyrer-Hof, u. abends blieb er bei uns, in lebhaftem Disput mit Hedwig über die Lindsey-Probleme. - Er spricht zu mir viel von seinen Arbeiten u. quält sich ehrlich mit dem Pietismus, während es ihn verlangend nach seiner Habilitationsschrift zieht. -
Und Du wirst Dich nun schon ganz bald wieder auf die Eisenbahn begeben! Wie war es nur in Weimar u. wie läuft das Semester? Wenn Du im Winter beurlaubt bist, fallen da Fakultätssitzungen u. Examina fort?
Ich werde am Montag mit meinen treuen Wünschen bei Dir sein, womöglich noch mehr als ich es ohnehin täglich bin. Und ich danke Dir, daß Du da bist u. meiner Welt den höchsten Sinn gibst.
Deine Käthe.