Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13. Juli 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12.[unter der Zeile] /13. Juli 1927.
Mein Liebstes,
gerade war ich im Begriff, das endlich fertig gestellte Kissen zu verpacken, da wurde mir Dein großer Brief eingehändigt. Nun soll aber das Kissen nicht noch länger auf sich warten lassen, drum schicke ich es ohne schriftlichen Gruß ab, unsichtbare Grüße hat es in Fülle bei sich. Ob Du wohl all die segnende Liebe spürst, die ich bei der - (wohl etwas ungeschickten) - Arbeit mit hinein gesteckt habe? Du sollst darauf ausruhen von der Überlast der täglichen Arbeit, gute u. tiefe Gedanken sollen Dich erfüllen u. Dir den Weg zeigen, der wieder eine volle Erfüllung Deines Seins ermöglicht. Und ganz im Stillen soll die Gewißheit in Dir sein, daß es einen Menschen gibt, dessen Liebe stündlich für Dich betet.
Warum diese endlose Qual? Woran liegt es, daß Du nicht aus der Wirrnis heraus findest? Siehst Du einen Weg, warum gehst Du ihn nicht?
Denn daß es Dir an einer großen, das Leben erfüllenden Aufgabe mangelte, das kannst Du doch im Ernst nicht behaupten. Rein äußerlich ist ein Arbeitstag von 12 Stunden doch wohl ziemlich reichlich, u. an Bedeutung wüßte ich mir Größeres gar nicht zu denken,
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| als die Art Deiner Wirksamkeit in unsrer der inneren Hilfe so bedürftigen Zeit. Wie hatte ich mir die Stunden in Eisenach so lebhaft ausgemalt! Deine liebe Karte von dort bestätigte mir ja auch das Eindrucksvolle u. Erhebende, ich wußte, wie Du auf die Herzen dieser vielen zur Erziehung berufenen Mädchen gewirkt hast. Denn was Du von Fröbel u. Pestalozzi an die jungen Menschen weitergibst, das ist eben doch eignes Leben, von Deinem Pulsschlag beseelte Vergangenheit! Wie furchtbar not tut uns dieses erneuerte Menschentum in unsrer veräußerlichten Gegenwart. - Und ist es nicht, als wollte uns jetzt auch die Natur amerikanische Zustände bringen, mit dieser riesenhaften Wasserkatastrophe im Erzgebirge?
Wir sind aus der gemäßigten Epoche innerlicher Harmonie herausgewachsen - wir stehen vor der Bewältigung einer unendlichen, materiellen Welt. Wie schwer es ist, darüber wieder zur "Lebenseinigung" zu kommen, den inneren Menschen neu zu entdecken, das sieht man an der Rastlosigkeit, die das Leben der meisten ergriffen hat.
Von ganzem Herzen danke ich Dir, daß Du die seltene Muße neulich zu einem so ausführlichen Schreiben an mich benutztest. Und gleichzeitig wäre ich auch wieder froh gewesen,
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| wenn Du Dir einmal Ruhe gegönnt hättest!! Ich lese Deine Zeilen immer wieder; am tiefsten aber berührt mich Deine Klage über das Unerfreuliche Deiner Häuslichkeit. Es ist doch schlimm, daß Du Dich in Deiner Menschenfreundlichkeit so stark gegen Frl. W. verpflichtet hast. Sie ist doch etwas garzu armselig für diesen Posten.* [li. Rand] * Glaubst Du das es - wenigstens für eine Weile - den Zustand bessern könnte, wenn ich Frl. W. mal wieder freundschaftlich gut zuredete? Ich könnte dann in der ersten Augustwoche mal kommen. -
Es ist in mir eine so große Sehnsucht, Dir von diesem Gefühl beständigen Entbehrens helfen zu können. Ich verstehe es so gut, u. würde Dir am liebsten raten: mache es wie Herr Wieser! - aber hättest Du das nicht längst getan, wenn es Dir das Rechte schiene??
Daß die wachsende Berühmtheit so viel Schattenseiten im Gefolge hat! Denn es ist ja bestimmt nur das Gefühl der großen Distanz, was die Mädchen von einem persönlichen Kartengruß zurückhält. Aber es schmerzt mich, daß Du es entbehrst. - Du hast sicherlich recht, daß eine Fröbelfeier ohne Deine Mitwirkung, (jetzt u. seit langem), nicht entfernt die Bedeutung gewonnen hätte; wie überhaupt [über der Zeile] aus der geistigen Bewegung der Zeit, ganz besonders in pädagogischen Dingen, die leitenden Motive Deines lebendigen Denkens u. Schaffens nicht auszuschalten sind. Wie sehr Du die geistige Lage in Deutschland durchwirkst, das ist ja gerade Ursache des Neides, der so manche mißgünstige Beurteilung von Fachgenossen veranlaßt.
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| Das braucht Dich nicht zu grämen. Es gibt da manch treffendes Sprichwort von Wespen u.s.w. Dr. Günther wollte mich veranlassen eine Kritik über Dich von einem Berliner Mediciner? zu lesen, ich habe aber gedankt; denn so gemeine Angriffe ekeln mich. Sie richten sich selbst.
Über das, was Du von Krankheit schreibst, muß ich noch nachdenken; das verstehe ich noch nicht recht. - Und ebenso wenig kann ich mir denken, wen Du meinst, gegen den Du verstimmt bist wegen "Verschleierung" in Sachen Rudi. Ich habe Dir erzählt u. im Original mitgeschickt, was ich erfahren habe. Mehr weiß vermutlich nur der Junge selbst. Er hatte Schulden gemacht u. das Physikum nicht gemacht - aber irgend eine greifbare Tatsache hat man nicht erfahren. Ich weiß alles nur durch Georg Malcus, der sich auch über die bedenkenlose Faulheit beklagte, mit der R. in den Tag hinein schlief u. die übrige Zeit verbummelte, solange er bei ihnen im Hause war. Jetzt ist ein allgemeines Lob über seine treue u. verständnisvolle Pflege beim Onkel. - Aber ich staune: er hat sich soeben ein Fahrrad für über 100 M gekauft. Woher kommt immer das Geld? - Glaubst Du nicht, daß man im Laufe eines Semesters bei dem Leben als Grandeigneur 1000 M in Luxusausgaben los werden kann?
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Doch jetzt ist die Sache ja ins Stocken gekommen, aber bitten möchte ich Dich doch herzlich, wenn sie wieder akut werden sollte, daß ich Dich doch wieder um Rat fragen darf. Es ist doch ein junges Menschenleben, um das es sich handelt. -
Seit gestern ist Anneliese Malcus hier. Das kam ganz überraschend. Man suchte für sie, die als Oberprimanerin recht angestrengt ist, u. die mal aus dem traurigen Eindrücken zu Hause fort sollte, einen Aufenthalt. Ich sollte bei Ruges mit Rügen vermitteln, daraus wurde aber nichts, u. so kam sie hierher. Jetzt hat sie aber leider einen Stirnhöhlenkatarrh mitgebracht u. muß zunächst recht geschont werden. - Ich bin in meiner Arbeit nicht behindert, denn sie fügt sich sehr lieb in die Verhältnisse ein. Zum Glück ist noch keine so andauernde Hitze, daß man doch immer wieder aufatmet, besonders kühlt es noch nachts ab. Allerdings Schwüle u. Gewitter gibt es viel, u. ich will möglichst mit dem jungen Ding in den Wald, wenn sie erst etwas wohler ist. Es kann auch mir nicht schaden. Denn mir geht es eigentlich dauernd recht mäßig.
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Zum Lesen der vielen anderen Briefe bin ich noch nicht gekommen, nur ein wenig habe ich darin geblättert, besonders nach Heinrich Scholz dabei gesucht. Ich muß so oft an ihn denken; auch daran, wie sich die Situation mit der kranken Schwester weiter entwickelte. Das ist auch ein trauriges Alter für den Vater!
Man ist manchmal förmlich darauf eingestellt, nur das Dunkle im Leben zu sehen. Und es ist doch auch Licht genug da, sogar im Moment der Sonnenfinsternis, als nur noch 4/5 der Sonne vorhanden war! Ich sah es von der neuen Brücke aus, denn Du weißt, die Dinge der Natur beschäftigen mich immer. Ich gedachte dabei lebhaft an den Eindruck der Verfinsterung, den wir im Wilhelmshöher Wald so stark u. unheimlich empfanden. Sonst haben wir nichts unternommen seit meine Schwägerin fort ist u. der Arbeitstag ist auch ohnedies ausgefüllt. Mit dem Kissen, das ich aus Trotz gegen den Tapezierer selbst machen wollte, habe ich mich ziemlich geplagt u. darum verzeih mir bitte auch, daß es so lange warten ließ.
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| Daß Du mir das Brillenfutteral zurückgeben willst, ist ja eigentlich nicht schön. Aber dann helpt dat nich - - . Hätte ich mir schon längst eins gekauft, dann wäre meine Brille nicht in Hofgeismar beim Autofahren [über der Zeile] in der Schachtel in der Tasche zerquetscht worden. So war die Sparsamkeit mal wieder recht kostspielig. - Du könntest übrigens das blanke Ding mal erst ein bißchen mit Deinem Schlüsselbund zerkratzen, ehe Du es mir schickst. - -
Ob es nicht Pflicht des Arztes wäre, bei Frau Riehl rechtzeitig für eine Krankenhausbehandlung zu sorgen? Der Rat, daß sie "zu Kindern" soll scheint mir unverständlich. Er hat wohl gemeint zu ihren Kindern in die Familie! Aber das geht doch garnicht. Ich sorge mich, daß es dort zu einer Katastrophe führen könnte. - Daß die Studentin so treu bei ihr aushalten will, ist wirklich schön. Sie sieht eben ein, daß sie eine Kranke vor sich hat, der sie helfen kann. Ist denn wieder ein dienstbarer Geist im Hause? Die vorige sollte doch zu Pfingsten gehen. -
Daß Susanne jetzt vermutlich schöne sommerliche Tage zur Erholung hat, ist ihr
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| herzlich zu gönnen. Sie hatte sich sicher recht abgearbeitet. - Wie reist sie zurück?
Wann wird denn eigentlich die Sache mit Siebenbürgen sich entscheiden? Ist da vielleicht ein heimliches Hindernis? Wäre es nicht gut, wenn Du so bald als möglich nach Partenkirchen gingest u. den Leuten in Siebenbürgen - Kronstadt die Zeit vorschlügest, die Dir paßt? - Du hattest auch verheißen, im Herbst nach Heidelberg zu kommen. Wann wäre denn das?
Doch es ist spät u. ich muß schlafen, damit die Augen morgen wieder brauchbar sind. Ich hätte noch viel, was mich beschäftigt - ganz besonders die zwei Drucksachen, für die ich wohl noch garnicht gedankt habe. Das Lindsey-Problem u. der Schluß des "Klassizismus" begleiten mich beständig. Wenn ich doch nur mehr Zeit für mich hätte - es wäre noch so viel, wonach ich fragen muß.
Heute laß mich nur noch den Wunsch beifügen, daß Du gesund bleiben mögest u. daß Du mich Dir ein wenig helfen läßt! Glaube mir, ich kämpfe auch.
Treu u. innig
Deine
Käthe.