Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. August 1927 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 5. August 1927.
Mein liebstes Herz!
Ach - ist das ein ungewohntes Gefühl! Heute habe ich die letzte Zeichnung für die "Histologie der Haut" beendet. Und wenn es nun auch vielleicht noch eine "allerletzte" geben wird, so ist doch endlich eine Atempause in Sicht. Vor allem genieße ich das, indem ich mich dem zuwende, wonach ich mich lange vergeblich sehnte. Ich habe all die wichtigeren Briefe zu Deinem Geburtstage wieder gelesen, denn wenn ich auch damals natürlich gleich darüber herfiel, so waren es doch immer nur gestohlene Stunden, die ich für mich hatte u. außerdem lag all die Zeit her eine grenzenlose Müdigkeit auf mir. Jetzt - nachdem gesellige Pflichten nicht mehr vorliegen, habe ich mehrmals sehr gründlich ausgeschlafen u. damit gleich einen fühlbaren Schritt vorwärts getan. Du weißt ja, der Sommer ist hier meist von lähmender Schwüle, u. ich war nur froh, daß Susanne gerade einen so ungewöhnlichen schönen Tag traf: sonnig u. klar mit kühlem Wind. Sie wird Dir vielleicht davon erzählt haben. Es war ein
[2]
| sehr hübsches u. herzliches Zusammensein.
Jetzt höre ich nun zu meiner Freude, daß sie Dich nicht so angegriffen gefunden hat, wie wir es bei Semesterschluß befürchteten. Es ist ja nun leider garkeine richtige Pause, ehe die Tagung in Kronstadt beginnt. Und für wann ist nun Hermannstadt festgesetzt? Du wirst doch kaum bis Anfang September dort bleiben?
Vorigen Sonntag, den ich nach langer Pause einmal wieder allein verlebte, habe ich recht feierlich begangen, indem ich mit großer Andacht den Erfurter Vortrag wieder las. Das ist mir immer wie eine Höhenwanderung, bei der schließlich das weite, reiche Land des Lebens klar ausgebreitet liegt. Es ist etwas von zwingender Kraft, von wahrer Erhebung darin, ein Halt u. eine Gewißheit, die nicht am Chaos verzweifeln läßt. Was aber ist die Aufgabe? Nicht mehr der Einzelne in seiner harmonischen Ausgestaltung - sondern der Mensch des Staates, der "organisierten Gemeinschaft", in "Freiheit, Pflicht u. Liebe."
Die Probleme der Jugend haben mich naturgemäß bei der Anwesenheit von
[3]
| Anneliese besonders lebhaft berührt, durch die Beobachtung des lebhaften u. klugen Mädels, die sich in ihrer jugendlichen Selbstgewißheit schon sehr fertig vorkam. Lebhaft wurde ich an die Worte von Giese in s. Brief z. 27. erinnert, durch ihr brennendes Interesse für Autos u. Sport. Die Siege von Söhnen ihrer Vaterstadt bei Wettkämpfen sind ihr persönliches Anliegen. Der Brief von Giese ist überhaupt ganz besonders interessant u. man sieht da mitten hinein in sein pädagogisches Wirken. Er selbst, als einer der Jugendbewegung, sieht jetzt so deutlich den großen Anteil, den naive Prätension bei der Sache hat u. wie es von neuem brennend wird: Leistung zu fordern. Was ist das mit Litt, worauf er sich bezieht?
- Dieser Tage erzählte mir Rösel Hecht von ihrer Schwägerin, die Kindergärtnerin in Würzburg ist u. zum Fest in Eisenach war. Der "Höhepunkt" war Deine Rede, - also Du siehst, sie klingt weiter, auch wenn es Dir nicht direkt ausgesprochen wurde. Die große, helfende Liebe des Erziehers ist in Dir u. wirkt, ob Du es weißt oder nicht.
Eine große Freude war mir kürzlich
[4]
| eine selbstgeschriebene Karte vom Onkel. Und Rudi? Ich glaube, mein Liebling, daß ich mit der "moral insanity" einen Begriff gebraucht habe, dessen präzise Bedeutung mir unbekannt ist. Ich meinte eben einfach, er ist ein schwacher Mensch, der sich immer nachgibt u. stets die Annehmlichkeit über die Pflicht gehen läßt. Ich schrieb Dir s. Z. schon von Cassel: er hat kein Mark in den Knochen. - Aber bös ist er nicht! Doch halte ich ihn nicht für ganz offen; er drückt sich um eine ehrliche Antwort herum. - Jetzt wird doch nun wohl sein "Studium" fortgesetzt werden. Wenn er nur arbeiten möchte! Onkel liegt noch fest zu Bett - was soll nur daraus werden! Bei Schleich hat der Vater stramm mit dem Sohn gearbeitet, als er sah, daß er verbummeln wollte, aber das ist doch hier ganz ausgeschlossen. So etwas schwebte mir vor, als ich an eine feste Zucht dachte, die dem Jungen nötig ist; aber das ist ja nicht zu machen.
Schrieb ich Dir, daß ich einen besonders netten Brief von meiner Schwägerin Hedwig hatte?
[5]
|
Jetzt ist unten beim Vorstand schon wieder Logierbesuch. Es ist die Frau von dem früh verstorbenen Benjamin Vetter aus Jena, (Bruder des Prof. V. in Stein) mit ihrer Tochter. Beide sind leidend, aber feingeistige Menschen. Ich sehe sie nur zu den Mahlzeiten. -
Morgen nachmittag werde ich mit Jacobsen zusammen sein, worauf ich mich freue. - Günther u. Braut sind jetzt in Kärnthen.
Ja, u. wie geht es jetzt in Klösterli? Der Brief von Frl. Knaack ist sehr hübsch, warm u. echt. Wenn sie es versteht, sich nicht von den Quälereien zermürben zu lassen, dann ist ihr Bleiben sicher eine gute Tat. Wie sehr sie dem Einfluß dort im übrigen zugänglich war, prägt sich sogar schon in ihrem Stil aus. Es würde mich freuen, wenn ihre Auffassung der Situation Dir die Besuche dort erleichtern könnte. Wie hat sich denn der Reiseplan entwickelt? Wie tragisch ist doch das Alter dieser Frau, die ein so reiches Leben hatte!
[6]
|
Wenn ich jetzt Ferien habe, werde ich mir zunächst ganz unnötig vorkommen! Dann wird aber die Flut der Briefschulden in Angriff genommen, u. vor allem die Badekur begonnen. -
Seit ich Deine letzten lieben Zeilen zum 18. bekam, habe ich Dir zweimal geschrieben - (sonst an niemand!) u. jetzt habe ich Dir schon wieder für zweierlei zu danken: das Buch u. die Geldsendung. Hast Du einen Auftrag für mich, mein Lieb, daß Du 120 M. schicktest? - Wenn ich nicht Deine treue Hilfe hätte, wäre ich öfters in Verlegenheit. Jetzt, z. B. warte ich schon eine Woche lang auf Bezahlung von Springer vergeblich. - Prof. Gans dagegen ist jetzt immer begeistert von meinen Machwerken! Übrigens bot mir auch Springer für sofort Arbeit in Düsseldorf an, die ich aber mit Bedauern ablehnte, wegen der wirklich notwendigen Badekur. Ich empfahl mich aber für die Zukunft, "falls seine Bedingungen entsprechend wären".
Doch wenn der Brief zum Sonntag mal wieder rechtzeitig da sein soll, muß er fort. So soll er nur noch innige Grüße <li. Rand> mitnehmen. Möchte er Dich gesund antreffen u. Dir sagen, wie ich Dein gedenke. Deine Käthe.