Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. August 1927 (Heidelberg)


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<S. 2 ist fast unleserlich>
Im Heidelberger Schloßpark
10.VIII.27.
Mein Liebstes,
ich möchte Dir etwas auf die weite Reise mitgeben, da ich ja in Wirklichkeit so garnichts für Dich tun kann, nicht einmal "Frühstück" an die Bahn bringen!! Dein großer Brief mit dem vielseitigen Inhalt kam - wie ich hoffe vollzählig, wenn auch fast offen an. Bei der Ruhe nach meinem ersten Bade habe ich mich gleich über den Inhalt hergemacht, aber es wird schwer halten, Dir von all meinen Eindrücken Rechenschaft zu geben. Hoffentlich hast Du den Abstecher nach Braunschweig ohne zu große Strapaze überstanden. Was war das nur für eine Conferenz? Deutsche Akademie??
Die Dampferreise auf der Donau wird gewiß besonders schön sein, darum könnte ich Dich beinah beneiden. Und die Menschen, die Du dort in der Ferne aufsuchst, werden Dir eine große Empfänglichkeit entgegen bringen. Daß Du ihnen mit „Engelszungen“ predigen mögest, dazu sollen die Schokoladezünglein helfen, denn daß die "Liebe" dabei nicht fehlt, das weiß ich. -
Es ist mir sonderbar, welch einen Sturm der Entrüstung Dein pessimistischer Schluß des Lindsey-Aufsatzes erregt. Ich begrüße
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| ihn als Antwort auf Deinen Weckruf .
- Ganz besonders macht mir der Brief von Marielies Maub oder Straub? einen guten Eindruck. Das ist doch ein anderes Niveau als <Name unleserlich>, die es herzlich gut meinen mag, die aber in keiner Weise "darübersteht". - Ob das aber wirklich richtig ist, daß sie den Amerikaner als "Kind" bezeichnet? Mir erscheint das, was wir als typisch amerikanisch bezeichnen mehr wie eine sehr starke Differenzierung nach einer Richtung, dem "Nützlichen", das alles andre verzehrt hat, eine Endstufe, vor der wir uns mit allen Kräften hüten müssen. Ob wirklich viel Sehnsucht nach vollem Menschentum drüben vorhanden ist? Auch Prof. Gans charakterisierte den Geist in seinen Fachkreisen so: daß man alle als "fools" bezeichne, die andre Interessen über den Erwerb stellen. - -
Die eigentliche Kernfrage: das strittige [über der Zeile] Lindsey-Problem übersehen vorläufig alle. Es ist ja auch durch Theorie nicht zu lösen, nur durch das Leben selbst. Aber ganz gewiß wird eine gläubige Zuversicht, u. die Wirkung einer so kraftvollen Persönlichkeit wie diese Marielies auf diesen Weg vorwärts helfen.-
Und wenn ich nun ganz bescheiden auch etwas zur Sache sagen dürfte, so bin ich mit Walter Hoffmann der Meinung: "Wohin kämen wir, wenn wir alle Ziele fallen lassen wollten, die der Schwache nicht erreicht?" - - Es ist
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| wohl gar keine so grundlegende Änderung der moralischen Ansichten notwendig, sie erscheinen mir vielmehr dekadent. Wohl aber müßte statt einer Lockerung der Forderungen, von neuem die große Verantwortung des Einzelnen betont werden - nicht um des Urteils der andern willen, sondern um seiner selbst willen. Statt des Menschen, den die Sitte zwingt, wollen wir den, der sich selbst bewahrt. - Für alle aber, die auf dem Wege fehl gehen, soll nicht weichliche Entschuldigung u. nicht selbstgerechte Verdammung zu Gericht sitzen sondern der Wille, zu überwinden u. aufwärts zu helfen. -
Wie aus dem Herzen gesprochen ist mir, was Marielies - - sagt gegen Deine Skepsis. Ich weiß gut, wie schmerzlich ich sie zu Ostern empfand in allen möglichen Äußerungen u. wie ich mich in meinem ersten Brief damals dagegen auflehnte. - Andererseits aber glaube ich, daß der Schluß Deines Aufsatzes gerade durch den verzweifelten Ernst tief wirken wird.
nachmittags, zu Haus.
Es war Zeit, zum Essen zu gehen u. nun schreibe ich etwas geordneter mit Tinte weiter. Ich gewöhne mich schwer an die Ferien. Sie kommen mir sinnlos vor, da ich sie nicht, wie gewohnt, mit Dir teile. Du antwortest nicht darauf, was Du damals meintest, als Du davon sprachst "etwas andres zu erfinden" da es mit dem Wiedersehen im Herbst so ungünstig aussieht! Das war wohl nur
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| so eine fröhliche Redensart?
Vorläufig also bin ich bemüht, wieder ein leidlich normaler Mensch zu werden. Tatsächlich bin ich auch wirklich schon etwas über den ständigen Nervendruck hinweg, der mich in letzter Zeit quälte. Es ist natürlich immer ein Kreislauf im Psycho-Physischen. Es fängt an mit dem schwülen Klima u. endet in Selbstquälerei. Es quält mich, daß ich so wenig leisten kann u. das Sehnen nach einem stetigeren Verkehr mit Dir verzehrt auch Nervenkraft. So lebe ich auf, wenn ich ein Zeichen Deines Gedenkens bekomme, u. die liebe Art, wie Du direkte Mitteilung jetzt durch Dein Echo in andern bei mir zu ersetzen strebst, ist mir Wohltat. Denn ich habe keinen Beruf, der mein persönlichstes Leben betäuben [über der Zeile] könnte, keinen Kreis von Menschen der meinem Centrum nahe käme.
Aber ich erkämpfe mir immer von neuem innere Freiheit u. ich glaube, man kann es mir jetzt sogar schon äußerlich ansehen, daß es wieder aufwärts geht. Bisher hätte ich mich mit den schwarzen Ringen um die Augen gut bei Macbeth als Hexe vermieten können. - Ja - davon habe ich Dir ja wohl nichts erzählt? Die Aufführung war bei weitem nicht so eindrucksvoll, wie
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| ich erwartet hatte. Auch ist die Akustik im Landhaussaal so schlecht, daß man nur mit Anstrengung dem Spiel folgen kann. -
Was Du über Krankheit sagst, befriedigt mich eigentlich nicht. Man muß wohl unterscheiden ob heilbar, ob nicht; ob Abwehr, ob Zustand. Und das mit den phylogenetisch ältesten Beständen ist mir nicht verständlich, denn sie kann doch jeden Teil des Organismus befallen. Man könnte spekulativ sagen: Störung im harmonischen Ablauf der Lebensfunktionen, Decentralisation der Lebensenergie etc. - aber das sind doch immer nur Beschreibungen.
Die früheren Briefe hatte ich Dir eigentlich im Päckchen mit zurückschicken wollen, aber nun behalte ich sie gern bis auf Abruf.
- Frl. Silber soll sich nur anmelden. Sie wird ein Unterkommen besorgt erhalten. Sehr erfreut wurden wir heute auch durch einen Gruß von Liselotte Henrich.
Der Vorstand hat aber eine große Sorge. Erich Meyer, der Chemiker bei der Anilin-Fabrik, der kürzlich nach Leuna versetzt wurde, ist schwer erkrankt. Man vermutet Bauchfellentzündung. Es ist ein prächtiger Mensch u. Aennes Liebling. - Sehr beschäftigen tut mich im Augenblick auch der Eindruck
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| der guten Frau Prof. Vetter aus Jena, die - sich selbst bewußt - an einem allgemeinen Nachlassen der geistigen Kräfte leidet. Sie kann sehr feine, humoristische u. sinnige Bemerkungen machen u. daneben völlig verwirrt sein. Es ist tragisch u. unheimlich zugleich. - Einen geistig sehr frischen Menschen, der mir einen recht guten Eindruck machte, lernte ich in einem Frl. Dr. Kuntze kennen, die jetzt in Frankfurt an der Päd. Akademie unterrichtet, früher Direktorin in Schneidemühl war. Sie erzählte u. A. von dem Plan der Frl. Hilger (Kreuznach) auf das Mädchen-Lyceum eine Klasse zu setzen, die mehr den Charakter Frauenschule habe, u. doch auch zur Obersekunda überleiten könne, damit die Entscheidung in ein späteres reiferes Alter gerückt werde. Was hältst Du davon? - Und das Reichsschulgesetz? Ich habe es wohl gelesen, aber die Konsequenzen verstehe ich natürlich nicht. Jacobsen sagte, wenn er Protestant wäre, würde er auch dagegen sein, denn es bedeute Anwachsen des Katholizismus! Ich ging mit ihm am Sonnabend: Ziegelhausen, Münchel, Lärchengarten, Felsberg, Ruhstein, Ruinen, Neckarsteinach, Schwan - Abendessen ganz nett. Aber ein Zug mißfiel mir: er hat kein Gefühl für Tiere, kann sie absichtlich quälen.
<li. Rand> Nun kann Dich eine Nachricht erst wieder in Kronstadt erreichen! Reise gut u. laß mich oft von Dir hören. <li. Rand S. 5> Auch die weiteren Adressen gib mir. Es wäre schön, wenn Du eine Erholungspause <Fuß> in den Karpaten machen könntest. Aber bitte: keine Kletterpartien!
Immer mit dem Herzen bei Dir Deine Käthe.

[li. Rand S. 4] Ich habe mir ein Paar sehr schöne graue Schuhe gekauft!