Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. August 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Aug. 1927.
Mein Liebstes, ich glaube, wenn Dich eine Nachricht noch in Kronstadt erreichen soll, dann ist es Zeit zu schreiben. Aber - erwarte keinen Brief, nur ein Zeichen liebenden Gedankens kann es werden. Wir haben wieder Föhn, alle 2 Stunden einen vehementen Regenguß u. ich war heute schon zweimal in der Stadt die ganze lange Hauptstraße entlang.
Wenn Du doch für Deine Donaufahrt besser Wetter gehabt hättest, als wir hier. Es kann ja recht interessante Beleuchtungen geben bei solchem steten Wechsel von Wolken u. Sonne, aber gesünder ists anders. - Daß wir gestern - eigentlich vorgestern - lebhaft Deiner gedachten, sagte die Karte mit Fräulein Silber. Es war sehr hübsch, welche Freude sie an allem hatte, wie sie schon in Cassel u. Frankfurt sich umgesehen hatte u. mit welchem Glück sie jeden schönen Eindruck aufnahm. Die Art, wie sie von Dir sprach, gefiel mir auch sehr gut. Es ist so viel
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| Gesundes, Natürliches, Echtes in ihr. - Sie fuhr sehr zuversichtlich in ihr Kappel ab u. ich hoffe sie auch auf der Rückfahrt hier wieder zu sehen. - Daß Du bei allem Trubel doch daran dachtest, mir das Futteral mitzuschicken, danke ich Dir ganz extra. Ich hatte nämlich schon rechte Sehnsucht danach, da meine Brille in dem alten doch recht gefährdet war u. mich erst - 8 M Reparatur gekostet hatte!
Ob Du am Sonntag schon irgendwo in schöner Gegend etwas Ruhe genießen wirst? Laß Dich nur nicht bereden, noch weitere Vorträge zu halten! Du mußt doch jetzt auch einmal wieder an Erholung denken zu neuem Schaffen!
Daß Du mir durch das Silberchen sagen ließest, wer diese Dr. Kuntze ist, war mir sehr interessant. Ich habe hier so wenig Gelegenheit, mit geistig Arbeitenden zu verkehren, daß mir diese Frau, die einen ernsten u. natürlichen Eindruck machte, ganz gut gefiel. Ich höre da immer allerlei, wofür ich Interesse habe u. was mich dann beschäftigt. Aber etwas "Wärmeres" wäre
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| mir bei ihr nicht eingefallen. Sie ist eine ellenlange, unhübsche Person ohne jede weibliche Anmut. -
Unser Hausbesuch ist nun wieder fort u. jetzt wird Bertha in Urlaub gehen. Leider ist der Vorstand sehr wenig frisch, u. die große Sorge um ihren Neffen Erich Mayer lastet sehr auf ihr. Ich fürchte sehr recht, daß das Leiden sehr ernst ist, weil es so lange nicht beachtet wurde, bis es unerträglich war.
- Wenn Du erst in Partenkirchen bist, schicke ich Dir mal allerlei, wovon ich möchte, daß Du daran Anteil nimmst. Es ist ja sonst immer garkeine Zeit dafür u. ich mag Dich nicht belasten mit meinen Sachen. Es sind ja auch keine Wichtigkeiten, aber, mein Lieb, ich möchte eben doch auch in dem was mich angeht, mit Dir leben u. manchmal mit Dir "plaudern" können.
Am nächsten Sonntag werden Prof. Gans u. ich einen "Festausflug" machen, um die Beendigung des Buches zu feiern. Er ist Strohwitwer u. liebt auch das Wandern.
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Mein Päckchen hast Du doch hoffentlich noch vor der Abreise erhalten? Ich hatte den dummen Verfassungstag nicht bedacht, der (hier wenigstens) nur einmal Post brachte.
Wie gespannt bin ich auf Deine Reiseeindrücke! Ganz gewiß wirst Du viel schöne, reiche Stunden erleben u. schenken. - Ich vertiefe mich wieder in Deinen Pestalozzi-Vortrag. Die Lücke im Separat-Abzug habe ich jetzt ausgefüllt, indem ich aus dem andern Heft das Fehlende abschrieb. Das war mir eine sehr liebe Beschäftigung. Es ist ganz eigen, wie anders man so im Schreiben noch aufnimmt.
Nun noch viel innige Grüße Dir, mein Einziger, dort in der weiten Ferne! Laß es Dir recht, recht gut gehen u. mich auch davon hören.
Wie immer
Deine
Käthe.

[li. Rand] Eine Adresse in Hermannstadt habe ich nicht.