Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. August 1927 (Heidelberg)


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<Durch eine aufgeklebte Feder sind die Zeilenanfänge der ersten 7 Zeilen z.T. unleserlich>
Heidelberg. 27.VIII.27.
Mein Liebes,
<unleserlich> eben wollte ich mich hinsetzen, <unleserlich> schreiben, denn Ew. Hochwohlgeboren <unleserlich> zum 31. eine Nachricht nach Hermannstadt bestellt, da kam Deine liebe <Karte von> dort. Wie gemütlich sieht das <unleserlich> bei der Kirche auf dem Bilde aus, wie deutsch das <Gegiebel>! All Deine Berichte verfolge ich mit Spannung, nur erscheinen meiner Ungeduld die Pausen viel länger, als sie in Wahrheit sind. Ich dachte es mir wohl, daß Du förmlich aufgezehrt werden würdest von all den Menschen, die Dich begierig erwarteten. Möchte nun die Ruhe auf der Karpathenhöhe - (auf meinem Atlas nennt sichs Transsylvanische Alpen) Deine Kräfte erneuern u. Du zurückschauend die sich überstürzenden Eindrücke der Kronstädter Tage erst richtig genießen. Es überrascht mich, daß Du erst nach Hermannstadt fuhrst u. nun wieder zurück auf die Hohe Zinne. Das muß wohl technische
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| Gründe haben, denn Du bist doch kein Freund unnötiger Bahnfahrten, - Wie übervoll u. gedehnt Deine Tage in Kronstadt waren, sah ich daran, daß Du die Karte mit dem 21. datiertest u. der Poststempel war vom 20.
Umgekehrt meldet sich eben Frl. Silber auf der Rückreise für Donnerstag, d. 2.IX. - das ist schon bedenklicher, denn man muß doch dafür gerichtet sein! - Ja, auf Reisen fließen die Tage unvermerkt! Aber auch hier ist es jetzt recht "ferienhaft"! Wir freuen uns bei dem unaufhörlichen Regen behaglich zu Haus zu sein u. gehen nur in den Atempausen des Unwetters aus. Hoffentlich hast Du es auf Deiner Höhe freundlicher. Vier Tagereisen Abstand machen da doch wohl etwas aus. - Bei uns ist seit gestern besserer Barometerstand, aber noch immer überwiegend Südwind. Trotzdem fühle ich die Besserung sofort in den Nerven; vielleicht ists auch schon Wirkung der Bäder, von denen ich bereits 6 hinter mir habe. Bisher nämlich war ich so erschöpft, wie lange nicht. Ich
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| hatte einen förmlichen Ekel vor jeder Tätigkeit u. an den Badetagen konnte ich viele Stunden verschlafen. -
Auch andre Leute klagen hier über Erschöpfung u. der Vorstand macht einen recht elenden Eindruck. Bei ihr kommt nun auch noch die stete Sorge um den Lieblingsneffen hinzu, der noch schwer krank in Halle liegt. - Ich hörte von meiner Familie länger nichts. Ich schreibe ja auch nicht!
Bekamst Du eigentlich mal Nachricht von Jacobsen? Er wollte nach Tirol mit der Braut, dann wieder hierher u. dann zu einem Congreß politischer Art nach Wien. Du sprachst z. B. auch einmal von dem Prinzen Rohan oder so ähnlich, der bestrebt ist, Verständigung zu fördern.
Ich lese viel Shakespeare; auch Byrons Cain, der mir früher nicht zugänglich war, der mir aber jetzt viel verständlicher wurde: Auflehnung gegen das Leben, das durch Grübeln zersetzt - nicht gestaltet ist. Wie ist der alten Sache hier ein tief symbolischer Sinn abgewonnen. Und auch hier klingt es aus: - "und Dein Leben sei die Tat".
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Ich weiß, wie viel echtes Leben Du wieder dort ausgestreut hast, - das muß Dir doch Glück u. starke Freudigkeit geben. Eben während ich dies schreibe, steht ein schöner zarter Regenbogen am Himmel, das Symbol des Friedens. Möchte es Dir, mein Liebstes, gute Tage bedeuten, u. uns beiden zum 31. von neuem innerste Gemeinschaft u. Verbundenheit. Ich weiß, daß Du an diesem Tage, der meinem Leben so doppelt bedeutungsvoll ist herdenken wirst u. daß du fühlst, wie ich in unwandelbarer Treue bei Dir bin. Möge Hermannstadt Deiner Reise einen schönen Abschluß bereiten u. mögest Du heil u. zufrieden in Partenkirchen eintreffen. Gieb mir weiter Nachricht, so oft Du kannst, u. sei in Liebe gegrüßt von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Ich schreibe an das Kulturamt, falls der Brief vor Dir in H. ist.