Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. September 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Sept. 1927.
Mein Liebstes,
wie betrübend war es mir, daß mein Brief Dich zum 31. nicht erreichte! Aber wie sehr auch ich der vergangenen unvergänglichen Tage gedachte u. wie ich vor allem beständig mit meinem Herzen bei Dir war, das mußt Du ja gefühlt haben. All Deine lieben Nachrichten brachten mir innige Freude: der große Brief von der hohen "Rinne" - (welch Unsinn!) der vom 25. datiert, vom 28. gestempelt mich am 1. IX früh erreichte u. die lieben Zeilen vom 31. aus Hermannstadt. Du siehst also, auch ich mußte bis zum 1. warten, u. da hattest Du wohl meine Grüße auch. - Am 1. hatte ich rechte Sehnsucht, denn Du mußt bedenken, daß ich hier in gewohnter Ruhe sitze, Dich aber in unbekannten Fernen weiß. Nun ist ja die anstrengende Zeit für Dich hoffentlich zu Ende u. Du kannst in Partenkirchen nach eigner Neigung u. endlich der Erholung leben. - Deinen Auftrag mit den Cigarren besorgte ich gleich am ersten Tage u. schicke sie nun heute ab, damit
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| sie Dich womöglich dort empfangen. Es gingen leider nur 45 Stück in den Kasten, aber ich kann Dir auf Wunsch gern noch einmal ein kleines Päckchen schicken. - Das Kränzchen von Erika, die jetzt hier in voller Blüte steht, ist vom 31. VIII. - Ich ging an dem Tage ein Stück unsres Weges von damals, Dein gedenkend, u. brachte die Blumen mit.
Seidem war nun Frl. Silber zum 2. mal hier u. hat mir in ihrer feinen, bescheidenen Art wieder sehr gefallen. Auf Zureden blieb sie von Donnerstag mittag bis Samstag abend u. wir haben schöne Stunden im Freien verlebt. Aenne ist noch immer nicht sehr wohl, so daß wir uns allein überlassen blieben u. das war sehr nett. Aber das Mädel hat eine wahre Schenkwut u. das ist nicht recht. Sie hat mir neulich ein reizend gearbeitetes Taschentuch mitgebracht, von Kappel ein filiertes Deckchen u. nun schickt sie mir eben die Briefe der Paula Modersohn, von denen sie mir begeistert erzählt hatte. -
Von Onkel hörte ich recht lange nichts, aber von Gretli Schwidtal kam eine Karte, daß sie in Berlin angenommen ist. Das freut mich. Nun kommt nur noch die
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| Wohnungsfrage. - Auch Meta Günther, die Schlesierin u. Studienstifterin, möchte für den Winter nach Berlin u. fragte um Rat, ob es zu empfehlen wäre. Sie ist 4. Semester u. möchte einmal gern in die Großstadt, man hätte ihr aber gesagt, daß man in Berlin nicht in die Seminarien käme. Die 2. Hälfte des Studiums denkt sie dann wohl irgendwo festzusitzen. -
Mit Deiner lieben Karte gleichzeitig kam ein Brief von Gans, mit Auftrag für 2 Kopien. Das ist ein halbes Vergnügen; die Arbeit freut mich, aber lieber arbeite ich nach der Natur.
Und noch etwas, ich habe Dir ja noch gar nicht gedankt, daß Du auch aus der Ferne dafür gesorgt hast, daß mir der - leider immer durchaus nicht entbehrliche - Zuschuß gesendet werde. Habe innigen Dank, mein Lieb, für Deine Fürsorge. -
Der Vorstand ist oben auf dem Königstuhl mit ärztlich verschriebener billiger Bergbahnkarte, u. ich sitze im Garten, wo es recht muffig riecht. Gestern war ich mit ihr oben, aber leider regnete es viel,
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| sodaß wir keinen reinen Genuß hatten. Der Zustand von Aenne scheint mir wohl eine nervöse Erschöpfung zu sein. Sie hatte 2 x sehr üble Anfälle von Schwäche, was besonders unangenehm war, als ich mit ihr Sonntag vor 8 Tagen in der Nähe des alten Kohlhofes war. Seitdem ist sie aber in ärztlicher Behandlung u. es scheint sich zu bessern. Sehr günstig wirkt es, daß die Nachrichten von Erich Mayer bedeutend besser lauten. Man hat bei ihm eine Darmoperation machen müssen, aber jetzt ist die Gefahr vorüber.-
Heute war bei mir Badetag, da bin ich immer noch extra faul. Und außerdem haben wir nach einer Reihe wolkenlos schöner Sonnentage jetzt wieder recht wasserhaltige Luft, die mit ihrer bekannten Schwüle recht drückend wirkt.
Drum nimm für heute mit diesen wenigen Zeilen vorlieb. Hoffentlich treffen sie Dich gesund an u. Du kannst nun Dein gewohntes Zimmerchen mit allem Drum u. Dran von Partenkirchen rasch genießen.
In stetem Gedenken grüßt Dich
Deine Käthe.

[li. Rand] Herzliche Grüße auch an Frau Witting u. besonders Felizitas.
[li. Rand S. 1] Wie geht es Frau Riehl? Was fehlt ihr eigentlich?