Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. September 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Sept. 27.
Mein Liebstes.
Die Tage sind mal wieder garzu kurz! Durch die Erkrankung des Vorstandes bin ich natürlich etwas mehr beschäftigt u. jetzt meldet sich auch die Klinik von neuem. Und ich wollte Dir doch längst schon schreiben, wie ich mich freute, als ich endlich wieder deutsche Marken auf Deinem Briefe sah: 5 "kleine Goethes" auf einmal! Es war so lieb von Dir, mir so ausführlich zu schreiben. Nach Vorderriß wäre ich garzu gern mitgekommen - aber hast Du Dich auch bei dem Regen nicht erkältet? Es ist ja fabelhaft, was Du seit Semesterschluß alles geleistet hast, anstatt wie es doch natürlich gewesen wäre, Dich zu erholen. Und jetzt ist vermutlich in Partenkirchen nicht wesentlich besseres Wetter als hier, u. daher nicht eigentlich Gesundheitswetter! Kannst Du auf dem Balkon sitzen? Ist öfters Sonnenschein? Wir hatten Kälte bis zu 8º herunter u. als es milder wurde, begann es zu tröpfeln - jetzt Dauerregen seit 12 Stunden
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Du wirst wissen wollen, was dem Vorstand eigentlich fehlt. Aber das wissen wir selbst nicht. Sie fühlt sich elend, hatte mehrmals Schwächeanfälle u. wird jetzt auf den Magen hin behandelt. Ich halte es mehr für eine Nervensache. Sie muß viel liegen, (daher mache ich jetzt die Haushaltseinkäufe) u. soll bei gutem Wetter möglichst auf den Königstuhl fahren, wozu sie ermäßigte Preise ärztlich verschrieben bekam.
Daß Felizitas so in Anspruch genommen war, ist ja drollig. Ich denke mir, das ist nicht in ihrer Absicht, sondern nur Ungeschick. Hoffentlich hast Du Dich bei der Parforcetour im Groll nicht überlaufen!
Vorgestern besuchte mich der zurückgekehrte Dr. Günther, der begeistert von seiner Reise erzählte, viel hübsche Bilder vorwies u. nur gutes Wetter gehabt hatte. Er war auch noch in Weimar, Jena, Leipzig - hatte Litt u. Wach besucht, u. hat Angeln nach Vorträgen ausgelegt. Wie es scheint mit gutem Erfolg, da es sich um Themata handelt, die ganz in seiner Linie liegen.
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| Wir gingen dann zusammen noch ein paar Stunden spazieren, am Friedhof aufwärts, Bierhelder Hof u. weiter in den Rohrbacherwald bis gegen Leimen, abends auf der Chaussee zurück. Da wird jetzt eine wundervolle Kunststraße gebaut, ¼ m dicken Cementbelag.
Ob Du, mein Lieb, nun wohl mal Zeit hast, ein paar Briefe zu lesen von Leuten, die mir lieb sind? Da ist Fritz Schwalbe, der so früh schon mit den Kämpfen des Lebens zu tun hat. Ein Zettel, den er mir persönlich beilegte, berichtet wieder von manchen Sorgen. Dann die Lotte Koeppen, die ich Dir gern als das liebe Mädel mit ehrlichem, gutem Willen zeigen möchte, das nicht leichtfertig "poussiert", aber durch die moderne "Kameradschaft" etwas aus dem Geleise kam. - Auch meine Schwägerin meint es ernst u. ist dem Leben offen. Ich bewundere es, wie sie bei ihrem großen Hauswesen noch Zeit u. Kraft für geistige Interessen behält. Auch ihr Urteil über Menschen gefiel mir, klar, ohne Schärfe. -
Und dann das Silberchen. Ich habe ihr geschrieben u. die Sache so gewendet, als
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| ob sie mir das Buch nur leihen wolle. Denn ich mach solch kostbares Geschenk nicht annehmen. Sie war sehr glücklich hier, wir redeten auch manches Ernste, u. ein blendendes Wetter gab dem Ganzen einen verklärenden Schimmer. Daher wohl der jugendliche Überschwang.
Auch allerlei Zeitungsgemüse lege ich bei, das Dich vielleicht amüsiert. Von dem Aufsatz der Marianne Weber schrieb Dir ja schon die Dame, deren Brief ich an Frau Krukenberg schickte. Vielleicht findest Du ihn altbacken, mir war er in seiner Stellungnahme sympathisch. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du ihn gelegentlich mit zurückschicken wolltest. -
Dir, mein Liebstes, wünsche ich einen klaren Himmel u. freundliche Tage in jeder Beziehung. Sei recht sparsam mit den Cigarren, daß Dir das alte Giftkraut nicht schadet u. denke gern an
Deine
Käthe.

[li. Rand S. 1] Natürlich herzliche Grüße an Wittings.