Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. September 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Sept. 1927.
Mein geliebtes Herz.
Damit Dich ein Gruß noch in Partenkirchen erreicht, nur ein Zettelchen. Wie freue ich mich, daß Du die 2 Tage dort länger bleibst, ich hatte das so gewünscht, denn die "Ruhezeit" ist ja ohnehin so kurz. - Die mitgesandten Briefe sind ja ein ganzes Studium u. ich nehme lebhaft teil an allem, was sie an Problemen berühren. Auch mit dem Reichsschulgesetz beschäftigen sich meine Gedanken oft u. ich sinne darüber, ob es wirklich gut ist, von neuem den Kampf der Konfessionen zu entfesseln u. damit doch im Grunde nur der katholischen festen Organisation Vorschub zu leisten. Das "Spiel der Kräfte" ist doch nicht eigentlich der Ausdruck für das, was die Allgemeinheit braucht, sondern es entscheidet eine verkappte Machtfrage.
Günther ging gestern mit mir von 6-9 spazieren. Schlierbach - am Waldesrand zurück bei sehr stimmungvollem Abenddämmern, im Bergkaffee Butterbrot, Nüsse u. Most. Er will umziehen, hatte erst mit dem Vorstand verhandelt,
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| fürchtet aber nun die geräuschvolle Rohrbacher-Straße. Er ist ein guter Mensch, aber ich habe das Gefühl, daß er zu wenig Energie hat u. vor lauter Bedenken zu nichts kommen wird.* [Kopf] * Eine beabsichtigte Lindsey-Besprechung ist wieder in unbestimmte Ferne gerückt. Er ist auch recht weich mit sich u. schont sich gerne.
Jacobsen sah ich auf der Straße gehen, sprach ihn aber nicht. Er wollte ja wohl noch nach Wien.
Unten ist jetzt die Schwägerin Anna, die Mutter der "Wahrsagerschen". Das ist nett, aber beinah wohl schon eine Strapaze für den Vorstand. Leider ist das Wetter so wechselnd, daß ein längeres Sitzen im Freien nicht möglich ist.
Von Wolfgang Scheibe kam ein netter Brief, er ist von Berthold Otto nicht mehr restlos angetan. Das freut mich.
Jetzt verzeih das Geschmier. Ich habe heut Badetag, den letzten von 12, da schlafe ich immer ¾ des Tages hinterher u. außerdem mußte ich zu einer goldenen Hochzeit bei Mathys eine große Decke bügeln, die die 6 10jährigen Kranzdamen schenken. Meine Bäder können wohl erst nachwirken. Jedenfalls meint aber Aenne, ich sähe doch wieder etwas besser aus. - Im Pathologischen Institut habe ich 6 Zeichnungen zu machen, bin bei der 2., es ist angenehme Arbeit. Und andere Aufträge sind in Sicht. <li. Rand> Die beste "Sicht" aber ist, daß Du nun bald, d. h. etwa in 2 Wochen herkommst. <li. Rand S. 1> Ich sehne mich sehr danach, wollte nur, Du könntest schon am 9. hier sein, denn Du willst doch den 13. schon wieder nach München?? Grüße Wittings.
Dir selbst innigste Grüße von Deiner Käthe.

[Fuß S. 1] Frl. Silber habe ich ehrlich gerne u. habe ihr auch so geschrieben. Ihre Antwort ist sehr nett.