Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Oktober 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Okt. 1927.
Mein Liebstes,
zum Sonntag hätte Dich der Brief nicht mehr erreicht, da ich am Freitag nicht rechtzeitig schreiben konnte. Nun will ich versuchen, Dich doch in Cobern zu erreichen.
Wenn nur Dein Katarrh nicht schlimmer geworden ist, sodaß Du Dir mit der erneuten Reise schadest! Denn das weiß ich ja, daß Du nur im allerdringendsten Falle zu Haus bleiben würdest. Es ist ja auch das Rechte so, aber natürlich bin ich etwas in Sorge. Die Nachricht auf dem Postabschnitt beruhigte mich ja ein wenig, für beides - Geld u. Nachricht habe innigen Dank. Wie oft willst Du denn aber die Cigarren bezahlen?! Es sind übrigens noch welche übrig, daß Du hier gleich davon vorfindest. Es wäre schön, wenn Du heut in
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| acht Tagen schon ankommen könntest. Ob wir da bei gutem Wetter mal zu dem Volksschullehrer nach Ursenbach pilgern werden? Man kann jetzt bis ganz nahe an den Weißen Stein mit dem Postauto fahren.
Soeben komme ich vom Brautpaar Günther, bei denen ich die neue Wohnung besichtigte u. mit ihnen Kaffee trank. Er ist recht gut untergekommen u. wird bei einer jungen Frau sehr freundlich versorgt. Frl. Steuer hat einen Bubikopf, der ihr vorzüglich steht, garnicht herrenmäßig. -
Ganz Heidelberg ist in gehobener Stimmung zu Ehren unsres Reichspräsidenten. Besonders in Neuenheim herrscht die schwarz-weiß-rote Flagge vor u. alle, die nur können, haben geflaggt. Einzig das Gewerkschaftshaus ist ohne jeden Schmuck. Die haben wohl nur die roten Lappen u. die können sie ja natürlich nicht rausstecken.
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Mit dem Vorstand geht es wechselnd - einen Schritt vorwärts - einen halben zurück. Aber etwas Organisches scheint mir doch nicht vorzuliegen - nur allgemeine Schwäche. - Morgen geht Frau Knaps nach Ludwigshafen, u. statt dessen kommt Lotte Winter für einige Tage.
Unser Haus ist in einem schrecklichen Zustand u. ich fürchte, ganz fertig wird es noch nicht sein bis Du kommst. Man muß nur hoffen, daß das Wetter einigermaßen bleibt, daß die Arbeiter nicht aussetzen müssen. Es ist nicht angenehm mit dem Gerüst an allen Fenstern!
Wie sehr wünsche ich, daß Du befriedigende Tage in Cobern haben möchtest, ohne allzu große Anstrengung! Es gibt doch so eine Atmosphäre, die die Arbeit erleichtert - so möchte ich es für Dich! Und mit Litt bist Du ja immer gern zusammen, das wird
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| gewiß nett.
In der Stille denke ich mit Freude an Deinen kühnen Münchner Plan, habe aber noch nichts davon verlauten lassen, sondern will die Entwicklung abwarten. Natürlich bin ich sehr drauf aus, daß unsre Absicht gelingt u. halte den Daumen, daß kein Hindernis eintritt.
Unsre Lektüre steht im Zeichen Hindenburg. Möchte er uns noch lange, lange erhalten bleiben! Ich denke viel an den Moment, da ich ihn in Wilhelmshöhe sah. Es war erschütternd.
Sei mir gegrüßt, mein Lieb, u. komm so bald als irgend möglich! Ich bin bei Dir mit treuen Wünschen.
Deine
Käthe.