Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Oktober 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.Okt.1927.
Mein Liebstes,
nun liegen die schönen Tage mit Dir schon zurück, fern wie ein Traum. Sie zogen ja auch nur zu rasch vorüber. Aber ich bin körperlich u. seelisch erfrischt davon zurück gekommen u. lebe nun von allem, was Auge u. Ohr aufnahmen.
Bist Du gut gereist? Meine Fahrt war ohne Hindernisse, aber teilweise im überfüllten Zuge. Die Geislinger Steige im Schmuck des farbigen Laubes war besonders schön, aber mit dem Isartal kann sie doch nicht konkurrieren. Und mit Partenkirchen geht es mir sonderbar, als hätte ich es eigentlich schon gekannt. Es war doch ein günstiger Zufall, daß ich all die herrlichen Berge noch so klar zu sehen bekam - ganz besonders auch das Karwendel mit seinen so unwahrscheinlich zarten Farben.
Und meine Gedanken kehren zu den drei Episoden Deiner Reise: Cobern,
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| Litt - München. - Es hat mich tief berührt, was Du von dem Gewissenskampf der jungen katholischen Lehrer erzähltest, u. von der trostlosen Gottesvorstellung Litts. Ich möchte wohl wissen, wie die jungen Menschen sich weiter entwickeln, - ob sie nicht von der Kirche zur Umkehr gezwungen werden. - Und Litt - wie soll man einem so reifen Manne helfen? Ist nicht bei Goethe alles schon siegreich durchgekämpft? Sollte nicht auch er Augen gehabt haben für die Nichtigkeit im Dasein - u. hat doch deshalb nicht alles als wertlos gesehen. Wie sollen wir zu Gott gelangen, wenn nicht auf dem Wege durch das Leben? - Niemals wird er sich dem Verstand offenbaren, aber wenn das Gemüt krank ist, dann fehlt ihm die Kraft, das Höchste zu ergreifen. Und Litt neigt wohl schon von vornherein zum Grübeln u. Construieren.
Mit Freude aber erfüllt mich die wachsende Sicherheit Deiner physischen Leistungskraft u. Deiner Stellung im Kampfe
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| des öffentlichen Lebens. Wenn der Erfolg im Falle Rohrbach auch etwas problematisch war, so wird doch ganz gewiß eine Klärung in der inneren Organisation der Akademie erreicht. Jedenfalls auch wird der neue Vorsitzende nicht von priesterlichem Herrschergefühl beseelt sein, u. dadurch schon ein andrer Geist herrschen.
Daß auch hier "getagt" wird, ersiehst Du aus der Zeitungsnotiz. Leider kenne ich niemand, der mir davon erzählte; denn Günther wird kaum dabei sein. - Mir scheint es noch etwas früh, in Pan-Europa aufzugehen, u. es ist gut, wenn eine deutsche Akademie erst einmal eine innere Sammlung der Geister bewirkt. Denn das scheint mir doch wohl der Sinn: deutsches Geistesleben zusammen zu fassen ohne den lokalen Charakter der bisherigen Stiftungen.
- - Das Haus fand ich bei meiner Rückkehr fast unverändert. Jetzt kriechen die Maler auf allen Gerüsten umher u. pinseln Wände u. Holzteile
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| Der Vorstand ist eher etwas wohler, aber natürlich mutet sie sich durch den Besuch der Schwägerin u. heute Elisabeths gleich wieder mehr zu, als ihr gut ist.
Für Gans habe noch 2 Zeichnungen zu machen, die mir beide nicht gefallen. Kleinliches Zeug!
Das Packet ging gestern ab; leider hatte ich garnichts einzulegen als die Strümpfe. Die Briefe von Matthies u. Walz schicke ich das nächstemal. Du wirst sie hoffentlich nicht entbehren. -
Wie geht er mit Deinem Katarrh? Du solltest Dir wirklich die Zeit nehmen, ihn behandeln zu lassen, wenn er immer noch nicht vergeht. -
Nun laß Dir noch einmal von Herzen danken für alles, was mir die 5 Tage Deiner Gegenwart u. die Tage meiner Verlassenheit in München gaben. Es ist etwas sehr Schönes, was mir in die kommende Winterdunkelheit hinein leuchtet. Und sei in treuer Liebe gegrüßt von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Grüße Susanne u. alle anderen!