Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Oktober 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.10.1927.
Mein Liebstes,
wir haben traurige Tage. Denn denke Dir, nachdem erst die Genesung bei Erich Mayer so glatt fortzuschreiten schien, sind jetzt - seit seiner Rückkehr nach Haus - die Nachrichten dauernd schlechter. Heute morgen kam Frau Direktor Mehner vom Hemshof u. meldete Aenne so nach u. nach alles, war dort mitgeteilt wurde: als letztes ein Telegramm, der Zustand sei hoffnungslos. Du kannst Dir denken, wie die erneuten Aufregungen die kaum gewonnenen Kräfte des Vorstands wieder mitnehmen. - Aber auch ich bin tief erschüttert, daß dieser prächtige Mensch so früh enden muß u. daß die grausame Quälerei eines Vierteljahres nun doch umsonst war. Natürlich muß ich mich jetzt möglichst viel der Aenne widmen, denn von den Verwandten kann niemand kommen. Gertrud Winter ist sogleich auf die schlechte Nachricht hin abgereist.
Aber Dir, mein Liebling, möchte ich doch schreiben, ehe Du wieder auf Reisen gehst u. Dir für Dein Schreiben vom 22. danken. Ich war froh, daß der Katarrh besser ist, aber die grenzenlose Hetzerei muß doch nun in diesem Winter mit Energie abgestellt werden. Gibt es nicht, z. B., eine Kategorie Briefe, die Frl. S. nach einem bestimmten Schema allein erledigen könnte? Und dann sei so sparsam wie möglich mit dem Gewähren einer Audienz. Was schadet es, wenn man findet, Du seist unnahbar! Es ist ja doch viel schlimmer, wenn Mißbrauch mit Deiner Zeit getrieben wird. - Jedenfalls aber hoffe ich, daß Du zu Weihnachten möglichst lange hierher kommst, wo Du Deine ungestörte Arbeitsruhe haben kannst. Das Haus ist von außen
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| jetzt fertig u. innerlich wird nun endlich eine gründliche Reinigung möglich sein, sodaß Du es recht behaglich um Dich haben solltest. Wie glücklich wäre ich, wenn Du da eine Zeit der Stille u. befriedigender Arbeit finden könntest. - Es ist enorm, was sich in dieser Woche wieder zusammen drängt. Möchte der Abend mit dem Vortrag des Herrn v. Engelhardt recht günstig ausfallen. -
Hier war nun also die internationale Tagung u. Günther hat mir gestern davon erzählt. Er lobte besonders den imponierenden Eindruck des Herrn v. Mendelsohn-Bartholdy, u. war angetan von der Rede des Polen. "Wenn Polen mehr solcher Männer hätte, dann könnten wir uns nur davor hüten." Günther glaubt freilich nicht, daß solche Versammlung große Konsequenzen habe, aber es sei doch immer ein Schritt zu gegenseitiger Verständigung.
Gestern war nämlich sehr schönes Wetter u. wir gingen ein paar Stunden durch den herbstlichen Wald, der besonders bei Sonnenuntergang sehr eindrucksvoll war, beim Bierhelder Hof ein leibhaftiger "Kaspar David Friedrich". Günther hatte das Bedürfnis, sein Herz auszuschütten über den Konflikt, in den ihn eine Einladung Rothackers versetzt hatte. Eigentlich hätte er lieber abgelehnt, aber Klugheitsgründe bewegen ihn, die erneuten Annäherungsversuche Rothackers nicht einfach abzuweisen. Heute war er nun schon zweimal da, ohne mich zu treffen, wahrscheinlich um zu berichten.
Eine unangenehme Aussicht für den Vorstand ist es, daß Bertha, nun sie anfängt brauchbarer zu werden, zum Frühjahr nach Haus kommen soll. Da ist mir nun durch den Kopf gegangen, ob ich nicht einmal bei Hermine Kleyser anfragen sollte, ob sie gesonnen wäre, die Stelle zu übernehmen. Ich hatte damals in Hinterzarten den deutlichen Eindruck, daß sie den Wunsch hatte, hinaus zu kommen u. sie hätte es sicher bei Aenne nicht schwer u. könnte mancherlei lernen. Was meinst Du dazu? Eine
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| Anfrage wäre schließlich nicht Unerhörtes. Und Bertha hat sich doch unter Aennes Leitung wirklich sehr gut entwickelt.
Von Wolfgang Scheibe hatte ich einen weit netteren u. natürlicheren Brief, als der an Aenne war. Seine Freundin versuchte sich in München, irgendwie Geld zu verdienen, ist jetzt als - Statistin am Theater. Wie es scheint, geht sie nicht nach Göttingen, wo er im Winter studieren will. Sie schreibt öfters an Aenne. Im letzten Brief erwähnt sie ihren Mann, sodaß wir hoffen, daß die Trennung, die auf Wolfgangs Rat erfolgte, wird vielleicht nicht von Dauer sein. wird.
In meinem Schlafzimmer ist die Holzwand abgerissen worden, die so verdächtig morsch war. Drei dicke Bretter waren völlig zu Mehl zerfressen u. es war sehr nötig, sie zu entfernen denn sonst steckt so etwas die ganze Umgebung an. Aber der berühmte Messingkäfer war es nicht.
Ist wohl das Packet heil angekommen? Ich hatte es so sorgfältig wie möglich gemacht, aber die Post geht oft roh mit den Sachen um. -
Abends lese ich jetzt der Aenne viel vor. Sie liegt dann gern ruhig. Die Biographie von Naunyn ist sehr fesselnd zugeschrieben, obgleich er "nur" ein Mediziner ist. Man bekommt ein sehr lebendiges Bild der Menschen u. Verhältnisse, die ihn umgaben, u. bisher war er niemals breit oder flach. Königsberg scheint dazumal weit bedeutender gewesen zu sein, als heute. Und die Fakultäts-kämpfe u. -cliquen lebhaft wie nur irgendwo.
Sehr, sehr gespannt bin ich auf das Resultat Deiner Villenbesichtigung. Es ist doch so sehr nötig, daß Du endlich mehr Raum
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| um Dich bekommst. - - Die Erzählung von dem Ausflug nach Tegel ist ja amüsant. Ich bin doch nur froh, daß die Berliner Familie auf meinen Bericht hin ihre Tochter nicht in diese "Erziehung" gaben. Wie es scheint, breiten sich ja auch die Ideen nicht allzu sehr aus, schon aus ganz realen - nämlich pekuniären Gründen!
Ich will diese Zeilen noch zur Post geben, vielleicht sind sie da morgen noch bei Dir. Laß mich wissen, wo Du wohnst, u. wie es Dir geht. Ob Du für die Rede erst Zeit in der Bahn fandest?! - Prof. Gans redete mich neulich darauf hin an, daß Du im "Hochschulring deutscher Art" sprechen würdest. Ob Du wohl als "weltferner Philosoph" garnicht die Sendung dieser Gruppe kenntest?! Ich habe ihm den Star gestochen, aber erklärt, daß Du deswegen noch nicht Parteigänger dieser Leute seist. - Mit großer Freude aber sah ich hier am Sonntag eine kleine Truppe Stahlhelm, die mit eigenartigen Fahnen, die ich noch nie gesehen hatte, aber die mir ungemein gefielen, früh morgens nach Rohrbach zu ausrückten u. in der Dämmerung wieder kamen. So etwas geht doch jetzt auch hier ganz unangefochten vor sich.
Ich grüße Dich viel - vielmals.
Deine
Käthe.

[] Wie war es in Klösterli? Ich wußte ja, daß meine Karte mißfallen würde. Ich hatte mir halt zu viel "Mühe" gegeben - das fühlt sich dann durch!