Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. November 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Nov. 1927.
Mein liebstes Herz,
wie oft habe ich Dir in Gedanken geschrieben! Deine lieben Zeilen aus Weimar erfreuten mich so innig, ich trage sie immer mit mir herum. - Inzwischen haben wir nun hier die erwartete Trauernachricht erhalten u. schon am vorigen Dienstag war in Leipzig die Feuerbestattung. In Halle war es unmöglich, da Preußen eine Feuerbestattung nur erlaubt, wenn der Betreffende selbst die Bestimmung schriftlich hinterlassen hat. Da die Witwe aber nicht in jener Gegend bleibt, möchte sie schon um der Kinder willen das Grab künftig in ihrer Nähe haben, u. Erich war immer für Verbrennung. - Ein Tröstliches bei diesem viel zu frühen Tode ist nur, daß der arme Kranke selbst ganz ahnungslos u. friedlich eingeschlafen ist, ohne Klarheit über das Hoffnungslose seiner Lage. Der Arzt hat ihm sein Leiden durch Morphium sehr erleichtert. - Aenne ist jetzt, seit die Ungewißheit vorüber ist, eigentlich ruhiger u. im ganzen wohler. Fast täglich gehe ich mit ihr in den sonnigen Nachmittagsstunden auf das Schloß, wo wir meist im Stuckgarten in der Sonne sitzen können. Gestern waren wir auf dem Hemshof bei Winters, wo Gertrud eingehend von allem berichtete.
Jetzt wird aber nun meine Zeit wieder besetzter sein, denn ich habe mich im Pathologischen Institut gemeldet, u. dort bei einem Japaner Zahnschliffe zu zeichnen. Es ist kolossal anstrengend, wie ich schon nach der ersten Probe merke, da man an den fast farblosen Präparaten beinah nichts mit Bestimmtheit sehen, sondern nur ahnen kann, was da sein soll. - Von Dienstag in 8 Tagen ab werde ich
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| dann bei Prof. Weidenreich arbeiten, der ja eigentlich schon mit dem Oktober anfangen wollte. Er ist ein "Drickser", wie man hier sagt. -
In Anbetracht dieser voraussichtlichen Einnahmen habe ich dann auch wieder einen Hörerschein auf der Universität bestellt u. beabsichtige Di. u. Do. von 6-7 bei Dr. Schrade über Michel Angelo u. Lionardo da Vinci zu hören. Vielleicht auch außerdem noch irgend ein Publikum. - v. Hippel über Staatslehre ist leider 3stündig u. zu ungünstiger Zeit, sonst würde mich das sehr anziehen. - Du sprachst mir von einem staatswissenschaftlichen Aufsatz in der Erziehung - könntest Du mir den nicht geben oder das Heft bezeichnen, daß ich es mir kaufe? Und dann habe ich ganz verzweifelt nach dem Heilpädagogischen Vortrag gesucht, der mir auf rätselhafte Weise abhanden gekommen sein muß. Wenn Du ihn mir nicht noch einmal schicken kannst, so bitte laß mich wissen, wie ich ihn mir verschaffe. Ich möchte ihn dringend noch einmal lesen. - Sehr eingehend habe ich mich einmal wieder mit der Rede vom Januar 23 über "Neuhumanismus" u. dem d. "Klassizismus im Bildungsleben" - vom letzten Ostern beschäftigt, u. dabei weit deutlicher als in Luzern den inneren Abstand empfunden, der Dich von damals trennt.
- Abends lesen wir immer mit lebhafter Anteilnahme fortgesetzt in der Selbstbiographie von Naunyn, u. ich für mich dann als Pendant für den inneren Kliniker die Briefe von Billroth, dem Chirurgen. Beide Ärzte imponieren sehr in ihrer ernsten Gewissenhaftigkeit u. ihrem unermüd
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|lichen Streben als Forscher u. Lehrer.
Am Sonntag werde ich mit Dr. Günther einen längeren Spaziergang machen. Er war heute bei Aenne, als ich zum Essen heimkam u. macht einen sehr viel frischeren u. tatkräftigeren Eindruck. Aber Niemeyer will seinen "Jung Stilling" nicht.-
Jeden Tag übe ich jetzt wieder mindestens ½ Stunde Stenographie, was ich den ganzen Sommer meiner Augen wegen nicht konnte. Du nimmst es zwar persönlich übel, wenn ich Augenschmerzen habe; aber mein Beruf strengt sie eben oft über Gebühr an. - So hoffe ich also bis Weihnachten für ein Weilchen - wenn auch nicht vollwertige, so doch etwas - Ersatz für Frl. Silber sein zu können, damit Du Deine Ferien ganz nach Neigung benutzen kannst.
Eben kommt der Mond silbern über die Bäume am Gaisberg, an dem die leuchtenden Herbstfarben schon verblassen. Aber das Wetter ist nach wie vor freundlich u. ich gedenke oft unsrer kurzen gemeinsamen Tage. Gut, daß die endlosen Reparaturen an unserm Hause so ohne Regen davon kamen. Jetzt ist nun endlich außen alles fertig, u. auch der Garten ist endlich einmal aufgeräumt worden, allerdings so gründlich, daß er einem ganz nackt vorkommt.
In der nächsten Woche wird Johanna Meyer mit den armen vaterlosen Kindern für etwa 2 Tage zu Aenne kommen. Davor ist mir - u. im Grunde auch
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| ihr etwas bange. Aber natürlich kann man den Besuch nicht ablehnen. - Was meinst Du wohl zu meiner Idee, Hermine als "Haustochter" für Aenne zu gewinnen?
Die Reichsschulgesetz-Angelegenheit verfolge ich in der Zeitung beständig. Hier will man den Kultusminister Leers absetzen, weil er für das Gesetz stimmte u. - Hofheinz will an seine Stelle. Er agitiert aber indirekt, um nicht persönlich interessiert zu erscheinen. - In den Bestimmungen des Gesetzes steht doch ausdrücklich bei 2/3 Mehrheit muß eine Schule auf Antrag in eine andre Schulform umgewandelt werden, nicht eine Teilung ist bestimmt, wie mir nach Deinen Worten schien. - Auch Hessen hat sich jetzt dagegen erklärt - es scheint mir, als habe man richtig in ein Wespennest gestochen. - Wie gern würde ich mal Deine Aufzeichnungen über die Schulfrage lesen! Ich bekomme hier doch nur demokratische u. "simultane" Färbungen zu sehen.
Wie war es in Klösterli? Wie geht es Susanne u. ihrer Familie? - Wie war die Villa???
Ich hätte noch viel zu fragen, aber ich will lieber diesen Samstagsgruß zur Post bringen u. noch ein Stück an den Neckar gehen.
Sei mir von ganzem Herzen gegrüßt.
Deine
Käthe.