Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. November 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Nov. 1927.
Mein liebes Herz,
für Brief u. hülfreiche Sendung vielen Dank! Ich hatte nach ersterem schon rechtes Verlangen, aber ich konnte mir wohl denken, daß Du gerade in diesen ersten Semestertagen ganz ungemein beschäftigt wärest. - Daß die Villa, die Dir geeignet schiene, nun schon in festen Händen war, ist doch sehr bedauerlich. Sich mit einem Rohbau einlassen, scheint mir immer etwas vom "Katze im Sack kaufen" an sich zu haben. Es wird nachher immer alles teurer, als man dachte. Aber vielleicht sehe ich da zu schwarz, u. will lieber nicht unken.
Das Schwarzsehen ist heute wirklich kein Kunststück, denn es ist überhaupt nicht Tag geworden. Seit gestern fällt nasser Schnee u. die Wolken hängen bis in den Gaisberg herunter. Der Neckar ist ein mächtiger Strom u. seit 1919 war nicht mehr solch Hochwasser. Wie es scheint, ist es damit seit der Regulierung ärger, denn das ist in diesem Herbst schon das dritte mal, daß er so wild wird. - Man vermeidet, unnötig aus dem Haus zu gehen; so waren auch die Kinder von Johanna Mayer den ganzen Tag daheim u. dadurch die Zeit recht anstrengend. Die arme Frau kam mit ihnen von Freiburg, wo Erichs Asche im Grab seines Vaters bestattet wurde. - Wenn dem armen Kranken auch nicht zu helfen war, so war die ärztliche Hülfe doch nicht so sinnlos, wie sie Dir erscheint. Als Erich zum Arzt ging, war sein Zustand schon unerträglich; durch den chirurgischen Eingriff konnte man ihm wesentliche Erleichterung verschaffen. Der Eingriff war
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| so schwer, daß an ein völliges Gesundwerden nicht zu denken war, aber man konnte hoffen, ihm einen erträglichen Zustand zu schaffen. Er war so weit erholt, daß er nach Haus gelassen wurde u. all das brachte seine anfängliche Mutlosigkeit zu neuer Hoffnung. Denn naturgemäß hing sein tatkräftiger Sinn am Leben. Als dann erneute Verschlimmerung eintrat, hielt er das für einen kleinen Rückfall u. noch am Morgen hatte er dem Arzt versichert, es gehe besser. Sein Ende war so leicht u. friedlich, wie ein sanftes Einschlafen. - Die Trauer ist so groß, wie wohl selten, weil er nicht nur im Beruf so tüchtig, sondern auch als Mensch so liebenswert war. - Der Direktor Bosch sagte von ihm: „er war eine Hoffnung für die Fabrik. Wir haben keinen Ersatz u. werden schwerlich einen finden.“ - Merkwürdig ist, wie dieser feine Mensch gerade eine solche Frau haben konnte, wie die robuste u. äußerliche Johanna. - Die Kinder waren gut zu haben, wenn die Mutter nicht dabei war. Sie verwöhnt besonders die Kleine, Fünfjährige, die immer in lautes Geschrei ausbricht, wenn etwas nicht nach ihrem Sinn geht. Die Kleinen schliefen in meinem Wohnzimmer auf Sopha u. Wille-schem Kinderbett, u. waren tagsüber auch viel bei mir, sobald ich zu Hause war. Denn Arbeit u. Colleg gab ich natürlich nicht auf. Es wäre alles recht gewesen, wenn sie mich nicht jede Nacht um 2 aus dem Schlaf geschreckt hätten: "sie möchten Wasser trinken!" - Man läßt sie auch unvernünftig viel zu Abend essen, da ist der Durst ja begreiflich; aber mich hat das recht viel Schlaf gekostet.
Mit den japanischen Zahnschliffen bin ich seit gestern fertig u. werde nun am Dienstag bei Weidenreich beginnen. - Das Colleg, das ich höre, interessiert mich besonders deswegen,
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| weil der junge Dozent Dr. Schrade aus der künstlerischen Formsprache den geistigen Gehalt einer Zeit zu charakterisieren sucht. Dies Colleg über die Blüte der Renaissance beginnt er mit Giotto u. zeigt den Anteil des Mittelalters an seiner angeblich antiken Einstellung. - Aber teuer wird die Sache sein: Hörerschein u. Colleg!
Der Tag mit Günther war der letzte mit leidlichem Wetter. Wir fuhren von Schlierbach-Bahnhof auf den langen Kirschbaum für 70 Pfg., hatten vom Turm des Weißen Steins einen herrlichen Blick bei höchst interessanter Beleuchtung, u. gingen dann auf der Höhe bis zum Ruhstein-Neckargemünd. Im Gasthaus oben gabs Streuselkuchen u. Most! - Dr. Günther gab mir einige kleinere Aufsätze von sich, die mir aber im Verhältnis zum Gehalt etwas breit erschienen. Aenne faßte ihr Urteil zusammen in die 5 Worte: "ein Spranger wird der nicht!" Aber ich finde, das wäre auch zu viel verlangt.
Mit Naunyn sind wir fertig. Es ist schön, wie er bis in seine achtziger Jahre nicht arbeitsmüde wird, u. nach Aufgabe der Praxis von neuem sich der Wissenschaft zuwendet. Er ist ein eingeschworerener Liberaler, durch Menschenliebe u. Idealismus, wie Onkel Hermann. - In Billroth steckt mehr Herrennatur. Es ist erstaunlich, wie er schon 1872 die sociale Beengung beurteilt. Ich glaube, daß er in Wien lebte, gab ihm eine größere Distanz zu deutschen Dingen. -
Hier ist jetzt Harnack gewesen in Sachen des neuen Forschungsinstituts für innere Medizin. Es soll ganz da draußen am rechten Neckarufer bei der 3. Brücke gebaut werden. - Wenn ich nur wüßte, an wen ich mich auf
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| Deinen Rat wegen dieser "Aussicht" wenden könnte! Es ist zu schade, daß ich nicht Gelegenheit hatte, Krehls kennen zu lernen, da wäre es viel einfacher. - Prof. Ernst ist nicht mehr im Amt, - es wäre Wagenmann zu erwägen. Aber der ist so unpersönlich.
General Mathy's haben goldene Hochzeit gefeiert. Bald danach bekam er aus Leipzig einen Brief von einem Glaser: "er habe seinen Namen gelesen u. möchte anfragen, ob er mit einem Karl Mathy verwandt sei. Er habe vor Jahren einen Spiegel zu reparieren gehabt u. auf dessen Rückseite ein Blatt gefunden mit einer wundervollen Rede (oder dergl.) von diesem über Vaterlandsliebe. Das habe er herausgenommen u. eingerahmt in sein Zimmer gehängt. Es wäre schön, wenn man das einem größeren Kreise zugänglich machen könnte." - Ist das nicht ein netter Sachse? Aber vielleicht nur eingewandert?
Daß Du die "Korrespondentin" endlich zum Schweigen brachtest, ist wirklich gut. Wie hat sie sich denn bei der Unterredung benommen? Das war doch ein recht peinlicher Moment. - Die arme Frl. Knaack tut mir leid. Sie hatte gewiß zu viel Nerven da draußen zugesetzt.
Mit Hermine kann ich nicht ganz Deiner Meinung sein, denn ich bin überzeugt, daß sie ganz bald von sich aus in einen Dienst strebt, wie ihre Schwestern. Und da halte ich den bei Aenne entschieden für einen guten; u. Heidelberg ist auch noch nicht so verrucht wie Berlin. Aber selbstverständlich hatte ich Aenne nichts davon gesagt, denn sie würde wahrscheinlich sehr dafür sein, u. auch ich hätte gern dies nette Mädchen als Hausgenossin. Als Bedenken empfand ich nur ihren Katholizismus. Denn an Umgang hätten wir nur stramm protestantische Leute zu bieten, außer jenem Dienstbotenhund von Pfarrer Dietrich, den wir mal in Neckarsteinach trafen.
Dem Vorstand habe ich Deine Teilnahme ausgerichtet; sie ist davon auch <Kopf> ohne schriftlichen Beweis überzeugt u. läßt Dich grüßen. Von mir <li. Rand> Grüße, die ich kenne. Und sei selbst in Liebe gegrüßt von Deiner Käthe.
[li. Rand S. 2] Ich habe Sorge, Walther könnte wegen Weihnachten anfragen. Darf ich ihm dann schreiben, Du habest Dich angesagt?