Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. November 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Nov. 1927.
Mein lieber Hausbesitzer,
wie hast Du denn geschlafen auf Deine neue Würde? Ich hoffe, recht gut u. befriedigt! Ich bin jedenfalls sehr froh darüber u. male mir das künftige Behagen für Dich aufs Schönste aus. Aenne läßt Dir sagen, sie interessiert sich "wahnsinnig" für Dein Haus; was kann man mehr verlangen?
Die Inneneinteilung beschäftigt mich natürlich besonders, u. da ist das erste Bedenken, daß Dein Schlafzimmer nach Nordosten liegen soll. Es wird da die Größe, eventuell das Badezimmer u. wohl auch die Tür ins Arbeitszimmer dafür sprechen? Aber ließe sich da nicht doch vielleicht noch jetzt im Plan eine Änderung treffen? Denn die Tür könnte man ja zu bauen u. um Besuche zu empfangen, wäre ja unten das Zimmer, sodaß Du ungehindert auch über den Gang das Schlafzimmer erreichen könntest. Wenn der Zugang zu dem für Dich geplanten Schlafzimmer durchs Badezimmer ginge, dann ließe sich das wohl durch eine leichte Wand abtrennen.
Läßt Du im Arbeitszimmer feste Büchergestelle einbauen? Wird das Eßzimmer getäfelt? Wie ist die Außenseite des Hauses? - Bei der Heizungsanlage im Keller muß man beachten, daß die Vorratsräume kühl bleiben, durch Wand u. Tür von den warmen Räumen getrennt, sonst verderben Kartoffeln u. - der Wein im Keller! - Fertigstellung bis Ende Januar - heißt das mit aller Innenausstattung? Wohl kaum. -
Bei Deiner Finanzlage kannst Du ganz gewiß ohne Sorge diese Sache riskieren. Es ist ja eigentlich eine Kapitalanlage. Und wenn Du auch wohl besser tust, die Pfandbriefe
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| falls sicher - zu behalten, u. selber 8% Zins zu zahlen, so ist es doch auch für die Haussteuer günstig, Hypotheken zu haben, da sie den Wert mindern. - Jugendpsychologie soll in der 9. Auflage erschienen sein, u. überhaupt wird es Dir ganz gewiß nicht schwer werden, Dir den Besitz sorgenfrei zu erhalten.
Wie kommt es denn, daß Niemeyer nicht zahlt? Steht es schlecht mit ihm? Er soll den Vertrag von Günthers Buch abgelehnt haben, weil die "Buchreihe" nicht paßt. - G. hat eben wieder recht oft das Verlangen, sein Herz bei uns zu erleichtern. Ende des Monats [unter der Zeile] (in 4 Wochen) glaube ich, hat er vor, nach Berlin zu kommen. Wenn Du ihm eine Zeit zur Besprechung einräumst, sei vorsichtig u. bestimme eine Stunde, die durch irgend etwas nachher begrenzt ist. Er hat gar keinen Zeitbegriff, u. findet bei aller guten Absicht, nicht zu stören, nicht weg. - - Ja, da war der Wolf in der Fabel!! Eine ganze Stunde hat er hier im Zimmer gesessen u. mir sein Leid geklagt. Es will sich kein Verleger finden; 4-5 Absagen hat er. "Trotz des Zuschusses" nehme man keine Monographien, sie gingen nicht. Er tut mir wirklich leid, denn [über der Zeile] wenn er nun das Buch fertig mache u. es dann womöglich wieder zu dem Format für eine Zeitschrift zurecht schneiden müsse, so packe ihn die Verzweiflung. Er komme sich vor wie einer, der dreimal durchs Examen falle, immer dasselbe von vorn anfangen müsse.* [li. Rand und Fuß] * Glaubst Du, daß Dein Einfluß das Buch bei Quelle u. Meier anbringe könnte? Ich habe ihm zugesetzt, es doch nun einmal coûte que coûte fertig zu machen. Es würde dann schon unterkommen. Er ist aber kopfscheu geworden. - Wie gut, daß er nicht in das Zimmer unten kam. Wir wären nicht mehr Herr unsrer Zeit durch sein Anschlußbedürfnis. Dabei ist er gut zu leiden, nur garso schwerfällig, bedenklich u. umständlich.
Jacobsen schrieb mir, schickte Deine Karte mit u. entschuldigte sich mit Arbeitsüberlastung. Er wird am nächsten Freitag das Buch abholen, das er übrigens doch in jeder Bibliothek bekäme.
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Im Laboratorium habe ich mir einen Katarrh geholt u. deshalb werde ich heute nicht ausgehen, sondern möglichst "erledigen". Vorher aber will ich noch ein wenig mit Dir, mein Liebstes, plaudern. Im vorigen Brief vergaß ich, Dir zu melden, daß ich indirekt von Deiner Rede in Weimar hörte, sie sei "weitaus die beste von allen gewesen. Auch das Thema erfuhr ich: Staat u. Universität. - Wird sie gedruckt? - Schreibe mir doch, wann neue Vorträge in Aussicht sind. Du hast mir wohl in München davon erzählt, aber ich kann Daten nicht so behalten u. muß das schwarz auf weiß haben. Ich habe doch so gern, wenn ich wenigstens die äußeren Tatsachen verfolgen kann! - Großes Interesse gewinnen mir nach wie vor die Vorträge von Schrade ab. Er beginnt jetzt, sich mehr vom Manuskript zu lösen, u. wenn er sich auch manchmal verhaspelt, so wirkt es doch natürlich u. immer gedankenreich. - Dorle Braus spielte mal wieder hier. Es ist ein fabelhaftes Können für ihre 24 Jahre, aber ich glaube sie muß sich hüten, nicht zum Virtuosentum zu geraten. -
- Kennst Du die Malerei von Lovis Corinth? Es war hier eine Ausstellung von 60 seiner Bilder aus allen Lebenstadien von den akademisch gewissenhaften Studien bis zu den letzten Farborgien, die einem die Vorstellung eines - optischen Größenwahns gaben u. z. T. unglaublich verzeichnet sind, wie in einem Paroxismus hingehauen. Im ganzen glaube ich, ist seine Kunst wesensverwandt mit der der Paula Modersohn-Becker. Es ist eine rückhaltlose Ehrlichkeit dem unverhüllten Leben gegenüber, bei Corinth übersetzt in den sinnlichen Reiz der farbigen Erscheinung - bei der Frau vergeistigt zu rührender Schlichtheit. Nur wenige der hier gezeigten Arbeiten von Corinth haben einen tieferen Gehalt. Aber ein Selbstporträt aus seiner letzten Zeit ist von erschütternder Tragik. - Ob absichtlich??
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Ganz schrecklich finde ich die Erkrankung der Kinder von Litt. Ist denn Tuberkulose in der Familie? Hat er noch mehr Kinder? Wie wird er dies neue Unglück tragen! Wir sprachen doch schon von der Verzweiflung, die sich in seiner Weltanschauung ausprägt. -
Gestern war ich bei Frau Ewald mit ein paar Damen zusammen, deren Söhne vor Jahren bei mir Zeichenstunde hatten. - Der eine ist Otfried Ehrismann, der als pharmakologischer Assistent in Berlin lebt u. der - klein ist die Welt - mit so besonderer Vorliebe, Deine Vorträge besucht. Die Eltern wohnen jetzt wieder hier, in der Gaisbergstraße, waren 15 Jahre hindurch in Greifswald. -
Wann ist die Akademierede? Ist sie öffentlich? Dann möchte ich es gern Meta Günther schreiben, sie würde Dich doch sicher sehr gern sprechen hören. - Am 18. hatte meine Schwägerin in Cöslin ein Referat über Lindsey. Der soll ja schon wieder was veröffentlicht haben. - Das Machwerk von Claus Mann habe ich mit Ekel u. Empörung gelesen. Ich muß gestehen, daß ich nicht weiß, soll es eine Karrikatur, soll es eine Bestätigung sein? Vermutlich das erstere, u. es ist in der Beschreibung der Scenerie: Kandelaber u. Kruzifix als Hintergrund für die Tanzübung voll ausgedrückt. Aber die Öffentlichkeit scheint es ernst zu nehmen, als Ausdruck "moderner Jugend". Nach dem was Du aus Tegel berichtetest war mir dies doppelt erschreckend, aber ich möchte es doch als böswillige Entstellung ansehen; aber auch als Bestätigung dafür, daß Mangel an Führung zur Zuchtlosigkeit führt.
Ich will jetzt noch rasch diese Zeilen zur Post bringen; sie treffen Dich hoffentlich bei gutem Wohlsein u. im froh <li. Rand> gesicherten Gefühl des errungenen Hauses. Sei innig gegrüßt von Deiner Käthe.