Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. November 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Nov. 1927.
Mein liebstes Herz,
die liebe Gewohnheit, Dir zum Sonntag zu schreiben, ist leider diesmal verpaßt. Aber schreiben möchte ich darum doch! Wie geht es Dir? Ist das Semester gut eingeleitet? Hast Du die Kälte, die bei Euch schon mit 9 % u. Glatteis eingesetzt haben soll, gut überstanden? Ich denke viel an Deinen neuen Besitz u. hätte vielerlei zu fragen. Aber mit der Antwort werde ich mich wohl gedulden müssen bis Du kommst! -
Hier gehen die Tage einmal wieder recht gleichförmig dahin. Einmal waren wir zum Kaffee bei General Mathy's, wo ein hübscher Lautsprecher die Wunder der Technik spüren ließ, u. wo ein Album mit Bildern des goldnen Ehepaars u. seiner 10 Kinder aus allen Lebensepochen kaum weniger erstaunlich wirkte. Welch einen Kreis umspannt hier die nächste Familie!
Ein andermal waren wir in einem verblüffend hübschen Film: Chang, der ein anscheinend recht getreues Bild von dem gefahrvollen Leben indischer Ansiedler in den Dschungeln gibt. Es sind ganz fabelhafte Aufnahmen von Mensch u. Tier, auch wilde Bestien aus nächster Nähe; so daß man staunt, wie das möglich war - ungefressen! Vor allem aber wirkt es erstaunlich, wie fein u. sympathisch die Menschen erscheinen u. wie sie trotz dieses kampfreichen u. primitiven Lebens nicht roh sind.
Heute abend ist "Colonialfest", (ich weiß nicht mit welcher inneren Berechtigung?) zu dem wir aber der Kosten wegen nicht gehen. Gouverneur Seitz wird da sein; aber auch am Montag einen Vortrag halten, sodaß wir noch Gelegenheit haben, ihn zu sehen. - Gestern war Günther "für einen Augenblick da", um zu erzählen, daß Reinhardt?, München bereit sei, über den Druck des "Jung Stilling" mit ihm zu verhandeln. Er will
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| nun auf der Reise nach Berlin über München fahren, um persönlich mit dem Herrn zu reden. Er war sehr vergnügt u. arbeitsfreudig; hoffentlich bringt er es nun zum Abschluß. -
Heute kam auch wieder mal ein Brief von Onkel Hermann. Das macht mich immer sehr traurig. Schon rein technisch wird ihm das Schreiben sehr schwer, u. dann klingt immer durch alles die hoffnungslose Sorge um Rudi. Wie soll man da helfen? Ich wäre froh, wenn ich mal hinfahren könnte u. damit dem guten Onkel meine treue Anhänglichkeit beweisen; aber ich glaube, es nützte doch nichts. Aber es wäre ihm wohl eine Freude u. wer weiß, wie lange man ihm noch Freude machen kann! - Jetzt habe ich keine Zeit, zu Weihnachten ist Rudi da - also vorläufig wohl keine Möglichkeit.
Mit der Arbeit geht es so - so. Für Prof. Bettmann sollte ich ein Schema zeichnen - nach einer Photographie; aber nicht so, sondern wie er es im Kopfe hatte. Das war etwas schwierig. Aber jetzt haben wirs, obgleich ich nicht hellwach bin. - Mit den Zahnschliffen geht es etwas besser. Man erfaßt den Typus u. quält daher das Auge weniger mit Einzelheiten. Aber man muß dazu erst mehr gesehen haben u. im Anfang ist es schwer, denn es soll doch ein bestimmter Charakter herauskommen. - Dabei fällt mir wieder die feine Stilkritik Schrades ein. Ich bin recht froh, daran zu lernen. - -
Liebling, was hast Du jetzt an Vorträgen vor? Wann ist die Akademie-Rede? - Ich hatte durch Frau Wille eine Karte zur Universitätsfeier, wo Dibelius sehr gut über die Stellung des Urchristentums zur Kultur sprach. Auch den feierlichen Einzug sehe ich immer so gern. Und wenn Du einmal Rektor sein wirst, dann komme ich auch, es zu sehen - ja?
Sei innig gegrüßt u. schreibe einmal wieder
Deiner
Käthe.