Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Dezember 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Dez. 1927.
Mein geliebtes Herz,
das war mal hübsch, daß die Unpünktlichkeit des Dr. Willige mir ein Schreiben von Dir verschaffte! Habe vielen Dank dafür u. auch für die nachfolgende Karte. Es ist viel dabei zu beantworten, u. da will ich mal mit dem praktischen Fragen anfangen. Wenn Du Hermine Kleiser Geld schicken willst, so ist das gewiß sehr erwünscht bei ihren engen Verhältnissen. Ich möchte Dir dann vorschlagen 10 M zu schicken u. ich würde von mir aus den hübschen u. praktischen Waschstoff senden, den ich in Ludwigshafen kaufte. Man kann ihn für Kleid oder Schürze verwenden, u. eine Schürze zu nähen lernt jedes Mädchen in der Schule. Auch die einfachen Waschkleider wird sie wohl machen können. Der Stoff kostet 5 M. - - Für Felizitas könntest Du vielleicht einen hübschen seidenen Schal nehmen, denn ein Buch wäre doch kaum erwünscht. Und Frau Witting etwas ins Unterseeboot - aber was? Oder würde sie sich für die Biographie von Mussolini interessieren? Wir lesen sie eben u. sie beschäftigt uns lebhaft. - Ich will noch am Sonntag in die Stadt gehen u. Schaufenster studieren, vielleicht kann ich Dir dann einen besseren Rat geben. Für die jungen Mädchen fände man auch gewiß irgend einen hübschen Luxusgegenstand im Lederladen. Man hat jetzt reizende kleine bemalte Täschchen. -
Um dann auch gleich auf "die Person" zu kommen, so bitte ich, keinesfalls einen Kleiderstoff zu wählen. Ich brauche etwas an Garderobe, aber das eignet sich nicht zum Geschenk; (soll aber unter Deiner maßgeblichen Kritik gekauft werden). Wünschen möchte ich mir - eine Stehleiter, weil diejenige im Hause Knaps so wacklig ist, daß ich immer bei der Benutzung in Todesangst schwebe. Oder einen einfachen Stoff zum Beziehen des klapprigen Sophas, das notwendig aufgepolstert werden muß. Das Gestell ist sehr feines Biedermeier, aber natürlich eingesessen! -
Wie wäre es, wenn Du die Sache ruhen ließest, bis Du herkommst? - Ich bin doch nicht so umständlich, daß ich
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| nicht ein paar Tage länger warten könnte.
Deine Vorträge bei der sozialpäd. Frauenakademie hätte ich brennend gern gehört. Das wird auch von so tief menschlicher Wirkung gewesen sein, wie die Tagung in Cobern. Das ist immer der Fall, wo Dein Wesen sich als beseelende Kraft auswirken kann, wo empfängliche Menschen bereit sind, an Deiner "Gegenwart" zu wachsen. Denn das Beste ist nur gefühlt u. kann nicht ausgesprochen werden. - - Der Ruf nach Bonn ist wohl auch eine Nachwirkung des Eindrucks, den man im Rheinland von Dir hatte. Der Bericht des katholischen Geistlichen stimmt mir so gut mit der inneren Bewegtheit, die Du von den Tagen mitgebracht hattest. - - Dabei kommt mir auch wieder die Erinnerung an die arme Familie Litt u. nun an Aloys Fischer. Ist das ein freiwilliger Tod gewesen? -
Von Dr. Günther muß ich Dir ganz entschieden Besseres berichten. Er arbeitet fleißig, hat so lebhafte, fröhliche Augen wie sonst niemals u. als er vorige Woche Aenne [über der Zeile] u. mir ein Stück aus seinem Manuskript vorlas, gefiel es uns beiden durchaus. Es war kurz, gut entwickelt u. lebendig. Natürlich können wir es wissenschaftlich nicht kritisieren, nur allgemein. Jetzt ist nun der Verleger Reinhardt, der mit ihm in Verhandlung getreten ist, hier in der orthopädischen Klinik u. er hofft ihn persönlich zu sprechen. Einige Gutachten sollen ihm dabei zu statten kommen, u. vor allem wäre ihm an einigen empfehlenden Worten von Dir gelegen. Mache das große Maß Deiner großen Güte nun noch übervoll u. schreibe ihm einige Zeilen. Dein früherer Brief ist ihm zu persönlich, um ihn dem Verleger auszuliefern. - Der Stilling soll bis Weihnachten fertig sein, u. das "Selbstverstehen" bis zum Frühjahr. Es ist wohl gut, wenn solch ein Zwang auf ihm liegt, um ihn zum Entschluß zu bringen. Er ist ein schrecklicher Umstandskrämer.
Vielleicht ist das neurasthenische Belastung. Du hast wohl recht,
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| daß einem angst u. bange werden kann, wenn man sieht wie viel anormale Menschen es um einen herum allmählich gibt.
- Hier ist am Bahnhof zwischen zwei Flaggenmasten ein großes Plakat: Willkommen zur republikanischen Studententagung! Da wird Jacobsen lebhaft mittun. - Und ich denke mit Schmerz an meinen monarchischen Idealismus, der wohl keine Zukunft mehr hat. Es sind nicht nur die Mißgestimmten - wie Tirpitz - die dagegen Front machen; diese Jugend, die nur den Niedergang mit erlebt hat, kann ja garnicht ermessen, was da verloren ging. - Und wenn man in einem Buch wie das von Domela sieht, wie die Kreise beschaffen sind, die noch blindlings an der alten Tradition festhalten, dann kann einem erst recht bange werden.
Übrigens was "fährt v. Keudell mit Herrn Becker - ?" das kann ich nicht lesen! -
Daß die exotische Dame im Vortrag von Herrn Seitz nicht seine Gattin war, freut mich wirklich. Er war so viel netter als sie. Diese Dame kam fast zuletzt, ging zu den Honoratioren in der ersten Reihe u. spielte entschieden eine Rolle. Daher unsre Vermutung. - -
Die Vorträge von Schrade entwickeln sich weiter sehr fesselnd. Er ist ein gedankenreicher Mensch. Ich hörte kürzlich, er habe ursprünglich Religionswissenschaft studieren wollen; u. diese Vertiefung spürt man in allem.
Jetzt ist nach einigen lichten Tagen wieder eine üble Bewölkung eingetreten, die das Arbeiten recht erschwert. Außerdem habe ich heute von Prof. Gans auch noch einen Auftrag eingeheimst, der bis Weihnachten erledigt sein muß. Bei unsrer Unterhaltung erzählte er auch, daß er ein Kolleg über "Therapie der Hautkrankheiten" lese, das keine Pflichtkolleg
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| sei: Und von den 10 Hörern seien 8 Juden. - Er findet das bezeichnend für die größere Strebsamkeit dieser Rasse. Ich glaube aber, daß hierbei auch Thema u. Dozent mitwirken. Denn das ganze Gebiet ist doch notorisch von Juden bevorzugt u. bei Gans persönlich nehmen viele an seiner frivolen Art Anstoß. Das ist aber den Juden weniger empfindlich. -
Sehr etwas Schönes war gestern abend ein Lichtbildervortrag zum Besten des Tuberkulose-Vereins. Ein geborener Heidelberger, der jetzt in Pforzheim Polizeidirektor ist, zeigte ganz wundervolle Aufnahmen von Bretten, Bruchsal, Maulbronn, umliegenden Dörfern u. von einer Schweizer Reise. All unsre Glanznummern sind nichts gegen diese Bilder. Und dabei war so viel liebes Altbekanntes.
Auch die Bilderchen in den "Mitteilungen d. d. Instituts f. Ausl." freuten mich sehr, außer dem Bericht. Sie sind gerade wie extra für uns ausgewählt.
Ich will diesen Brief noch zur Post bringen, daß er Dir einmal wieder einen Sonntagsgruß sagt! Ich zähle die Tage bis Du kommst u. habe jetzt schon wieder Bangen, daß die Zeit Deines Hierseins entsetzlich rasch verfliegen wird.
Schreibe mir hie u. da noch eine Karte, mein Liebling. Ich vermisse Deine gewohnten lieben Briefe so sehr; denn sie sind doch das Licht im grauen Alltag.
Viel herzliche Grüße von
Deiner Käthe.

Das Angebot des Möbeltransporteurs ist ja unglaublich. Im ersten Augenblick war mir der Zusammenhang rätselhaft. Aber Du siehst, wieviel Grund ich habe, so zurückhaltend mit meinen Mitteilungen nach gewisser Seite zu sein. In diesem Falle nun war der Vorstand ja durch Dich im Bilde, u. es wäre unnatürlich gewesen, wenn ich ihr meine Freude nicht mitgeteilt hätte. Der Gedanke, daß sie das brühwarm an Elisabeth schriebe, wäre mir [li. Rand] aber garnicht gekommen! Sie müssen wenig eigenen Stoff haben.