Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Dezember 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Dez. 1927.
Mein geliebtes Herz,
es betrübt mich sehr, was Du mir da gestern schreibst, weil ich Dir so gern Kummer erspart wissen möchte. Aber eigentlich solltest Du auch wirklich beides nicht so schwer nehmen. Die Taktlosigkeit von Frl. Dr. Dietrich hat vielleicht Alice Salomon inzwischen durch schriftlichen Dank ausgeglichen? Wenn nicht, so wäre es doch wohl nicht richtig, um der persönlichen Differenz willen der Sache, die Du fördern willst, die Teilnahme zu entziehen, Aber - nicht tragisch sondern mit Spott, der Dir so gut zur Verfügung steht - könntest Du Dir gewiß gut die Sache vom Herzen schaffen, wenn Du Lili Dröscher erzählst, wie es war.
- - "Dankte nicht weniger u. nicht mehr, als wenn's ein Korb mit Nüssen wär" - in freier Nachahmung hoher Vorbilder, echt charitativ! - Aber Du hast ganz recht, wenn Du nicht den
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| "Empfindlichen" spielen willst, sondern nur "von oben herab" die Manieren rügst.
Die Wirkung des 2. Vortrags aber war ganz bestimmt bei denen, auf die es Dir ankommt tief u. das sind die - die es nicht so sichtbar äußern. Wenn man eine "neue Ethik" erwartet hat, so sind das doch sicher Menschen, die nicht in sich suchen, sondern das Heil von außen erwarten. Denn das ist doch das "Neue", daß jeder sich selbst erringt; die "Ethik" aber ist keine Modesache. Daß von neuem gerungen u. von innen belebt wird das ist's. - Frl. Silber schrieb mir gerade am Tage zuvor, wie tief ihr Dein Vortrag zu Herzen gesprochen hätte u. erwähnte ausschließlich den von der religiösen Liebe.
Ich muß heute zur Arbeit - drum laß Dir mit den wenigen Worten genügen, die Dir nur sagen sollen, wie ich mit dem Herzen bei Dir bin.
Treu u. innig
Deine
Käthe.