Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Dezember 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Dezember 1927.
Mein Liebstes,
gestern war es ganz unmöglich, noch zu schreiben, so sehr ich mirs wünschte; der Tag war zu anstrengend gewesen u. ich hatte auch mehrmals schlecht geschlafen. Nun kam inzwischen Deine liebe Drucksache, von der Du weißt, wie sehr sie mich erfreute. Das war einmal in Neu-Ruppin so recht zur Zeit, um Deiner Verstimmung entgegen zu wirken. Da kann man nun mal nicht sagen: der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande! - Daß er auch außerhalb anerkannt wird u. Verständnis findet, zeigt Dir die kleine Schweizer Rezension, die mir Frau v. Donop schickte. Sie berichtet mir immer treu über jedes Echo, das ihr bekannt wird. - Nun rücken wir dem Weihnachtsfest energisch näher u. ich hoffe, diesmal ohne so große Hetzerei durchzukommen, damit ich auch am 3. Feiertag, wenn mein eigentliches Weihnachten sein wird, frisch u. einigermaßen "normal" bin. - Ob es ein glücklicher Zeitpunkt war, gerade jetzt für den armen Rudolf Paulsen zu sammeln? Es hat ein jeder jetzt ohnehin viel Ausgaben u. die "weihnachtliche Liebe" ist nicht mehr modern. Wahrscheinlich aber ist gerade mit dem Winterbeginn die Not der Familie so groß. Es ist schrecklich, zu denken, wie viel arme Menschen jetzt unter der bitteren Kälte leiden mögen! - Daß man für R. P. auf diesem Wege sammeln muß, ist trostlos. Das ist ein Zug des "neuen Menschen", daß er sich aus den bürgerlichen Verhältnissen herausstellt. Aber er muß doch sich ernähren wie andre auch! - Ich mußte an die Zeiten denken, wo Hermann in ähnlicher Weltfremdheit existierte, aber er ist doch zu einer tüchtigen, gesunden Existenz durchgedrungen. -
Die Wiedergabe Deines Vortrags im Ausländer-Institut gibt ein sehr feines Bild. Ich werde es mit größerer Muße als jetzt, noch wieder lesen; u. auch das "Kulturkundliche Unterrichtsprinzip", das ich heute abend durchblättern werde, aber noch öfter vorzunehmen denke. Die arge Dunkelheit hat meine Augen sehr angestrengt. Da auch Prof. Gans wieder etwas zu tun hatte, muß ich öfter noch
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| abends bei künstlichem Licht arbeiten.
Sehr stolz bin ich über die Möglichkeit, mich mit ruhiger Sicherheit über die Welt zu erheben. Natürlich wieder nur durch Dich! Die Leiter, die heute morgen geliefert wurde, hat meinen vollen Beifall u. wird den Weihnachtstisch sehr wirkungsvoll zieren.
Eigentlich schenke ich überhaupt nur Lappalien u. vielfach Dinge aus meinem Besitz u. doch bemerke ich, daß wieder etwa 60 M zusammen kommen. Aber ich habe ja jetzt auch tüchtig verdient!
Laß mich heute diese inhaltlosen Zeilen beenden. Es ist eben nur der Beweis, daß ich täglich, stündlich - beständig Deiner gedenke. Und mit Ungeduld warte ich auf Dein Kommen!
Innige Grüße u. treue Wünsche, daß es um Dich u. in Dir warm sein möge u. Du mir gesund bleiben.
Immer
Deine
Käthe.