Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Januar 1928 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 6.I.28.
½ 11 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Jetzt habe ich meinen Vortrag schon hinter mir. Die Leute wollen da anscheinend immer nicht mit mir diskutieren, weil sie nicht genügend informiert sind. Trotzdem schienen die alten Hähne ganz zufrieden, und es sind ja auch lauter "erlauchte" Namen, so daß man schon über die kleine Zahl getröstet sein kann. Es waren ca. 24, d. h. 2 mal so viel als sonst. Darunter Excellenzen, Staatssekretäre, Generäle, Penck, Delbrück, Franke, Schumacher, Triepel, eine Handvoll Präsidenten etc. Auch ein Professor aus Heidelberg als Gast: Gradenwitz, Jurist.
Ich bin mal wieder mit einer akuten Darmstörung angekommen: Folge der langen Bahnfahrt, einiger Unvorsichtigkeiten und der 8 Klappstullen statt 4, die mir auf Wingeleitsche Art eingepackt waren. Nun lebe ich von Haferschleim, Rotwein u. Gummischuhen. Die Fahrt hat mich auch durch die schlechte Luft sehr angestrengt. An jeder Ecke tauchte ein neuer
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| Promotus von mir auf.
Susanne war an der Bahn. Frau Witting hat, ausgerechnet jetzt, 14 Pfannkuchen geschickt. Kerschensteiner ist hier und wird morgen in der Sitzung sein.
Wir wollen den Minister Seyfert vermöbeln. Ich kenne jetzt das Gesetz aus dem ff.
Unter vielen Briefen, die alle so ein bißchen neujährlich geschäftsmäßig und stimmungsdrückend waren, auch einer von Martha Knaack, worin sie sich, in bester sympathischer Form, gegen das wehrt, was bei mir zwischen den Zeilen steht. Ich solle deutlich reden. Aber gerade Ihr Brief, die 3. Stimme, macht alles nur noch viel unklarer. Soll ich mir nun von diesen Privatbriefen auch noch lauter Kopien anfertigen?
Ich habe sonst nichts von Belang zu berichten, möchte nur noch einmal herzlich danken und grüßen. Hoffentlich geht es Dir gut, auch an der Nase, und an der Vorstandsnase. Und hoffentlich bleibt es gut in dem Jahr, das die alte Christenheit mit dem 6. Januar anfing.
In herzlichen Gedenken an die kurzen, aber schönen Heidelberger Tage
Dein
Eduard.

[] Schermann hat von de Juden was für de Juden locker gemacht.