Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Januar 1928 (Berlin)


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9.I.28.
Mein innig Geliebtes!
Obwohl es nicht recht ist, Montag früh ½ 9 gleich mit freundschaftlicher Korrespondenz zu beginnen, möchte ich Dir doch gleich für Deine lieben Zeilen danken und dir über den Stand der Dinge einige Mitteilungen machen.
1) Hypothek ist noch nicht da; es soll eine Diskontherabsetzung abgewartet werden. Für den Notfall kann Susanne 5000 M zur Verfügung stellen. Ich muß dann noch mit Michels reden, u. wenn er nicht sofort etwas Greifbares hat, schreibe ich an den Präsidenten der Zentral-Boden.
2) Der Brief v. Johanna Kiehm ist deutlich. Ich habe die Antwort v. Meyer schon an Frau W. geschickt. Sie lautet dahin, daß der Sortimentsbuchhandel bessere Möglichkeiten biete, und enthält kein zu hohes Lob v. Anderls Talenten. Frau W. schrieb auch über Felicitas – immer verstehend – zusagend, statt daß sie ihr mal deutlich sagte: "Du hast da sehr unrecht gehabt, und bringe das mal glatt in Ordnung."
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3) Vorgestern u. gestern waren alles andre als schön. Ich bin mit 1 Stimme gegen 35 in der Minorität geblieben. Aber indem ich heut zurückblicke, bin ich mit Inhalt und Form m. Verhaltens sehr zufrieden. Der DLV. hat die Erziehungswiss. Hauptstelle zu einer polit. Kundgebung gegen das RSchG. benutzen wollen. Am 1. Tage sprach Seyfert, miserabel u. ganz flach. Ich schwieg, da sich 3 maßvolle Sätze unter Leitung der vernünftigen Pretzel und Kerschensteiner herauskristallisieren wollten. Es waren dann aber 6 m. E. außerdem noch sehr dumme Sätze. Darauf habe ich unter bleichem Schrecken eine Rede gehalten, die mindestens keine Unklarheit gelassen hat. Sofort fuhren die Kanonen, der 1. Vors. Wolff u. der alte Tews, auf, um die Wirkung abzuschwächen. Ich habe dann nichts mehr gesagt. In der Abstimmung waren alle, darunter natürlich Kersch, Muth, Stern, Deuchler, Scheibner etc. für die 6 Sätze, ich allein dagegen. Nun durften sie nicht namens der Erz. H.
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| hinausgehen, sondern nur mit einzelnen Namenunterschriften, also: Müller, Kersch., Schulze, Stern, Lehmann, Muthesius, Kunze etc. – Ich habe mit einer persönlichen Bemerkung geschlossen, deren Hauptsinn war: die geschäftsmäß. Behandlung sei nicht in der Ordnung. Sie sollten mich ausschließen, wenn sie wollten. Auch ich hätte die Möglichkeit, auszutreten, aber mir läge an der Aufrechterhaltung der Verbindung, deshalb solle diese Differenz nichts absolut Trennendes zwischen uns werden. – Sie hassen mich wie die Sünde. Aber den Eindruck haben sie auch, daß ich nicht einfach mitlaufe. – Auch da hatte man das Gefühl: unser ganzes Schulwesen ein Chaos. (nicht einmal stunk- und nicht einmal reklamefähig.)
Nachher war ich mit Muthesius, der sehr alt wird, zum Mittagessen, und das war recht hübsch.
4) Neubabelsberg: es kommen Eilbriefe u. andere Briefe, so wieder heut früh ein ungemein warmherzig-weichherzig flehender. Ich habe geschrieben, daß ich eine Schonzeit haben müsse. So ist es auch. Was hat das Theaterspiel für einen Sinn? Wer aber mal in meinem Nachlaß die Briefe
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| findet, der wird davon ebenso wie von denen meines Vaters sagen müssen. "Was muß das für ein ekliger Kerl gewesen sein, daß er sich so vieler Liebe hartherzig widersetzt hat."
Ich danke im voraus für die Zigarren, die schon deshalb willkommen sind, weil ich keine Zeit habe, welche zu kaufen. Gern würde ich in dieser Woche die schulpolitische Abhandlung beenden.
Jetzt muß ich arbeiten. Laß es Dir gut gehen!
Dein
Eduard.

Leider gehen die Zigarren an den harten Rippen der Tasche kaputt. Ob man sie etwas ausweiten kann?
E.

[] Für Deinstedt weiß bis jetzt niemand Rat.