Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Januar 1928 (Berlin/Wilmersdorf)


[1]
|
<Stempel: Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

25.I.28.
Mein innig Geliebtes!
Ich sitze in der Morgensonne, das Thermometer draußen zeigt 9°. Aber ich bin nicht nur verschnupft, sondern in tiefer Mißstimmung. Es ist nicht nur die schlechte Zeit, die alle Jahre kommt, auch nicht nur die Ermüdung von 2 schrecklich anstrengenden Tagen. (Montag war 3 Stunden Sitzung im Rektorat u. dann gleich das „Vergnügen“ der deutschen Akademie mit Rede von Kube; gestern bin ich um ½ 10 fortgegangen und abends um ½ 11 wiedergekommen.) Es sind tiefgehende Zweifel u. eine heraufdämmernde Erkenntnis. Meine Gabe und meine Lust zu lehren sind im Versiegen. Ich kann zu dem Studenten von heut, nun gar zu der Studentin, kein inneres Verhältnis finden. In den Dienstagsübungen finde ich kein geistiges Leben, nicht einmal den Mut und die Kunst zu einer klar ausgesprochenen Opposition. Diese neue Generation, halb Psychoanalyse, halb Sport, halb Sozialismus wird, wenn
[2]
| sie am Ruder bleibt, meine Ideale jedenfalls nicht zu den ihrigen machen. Ich sehe die deutsche Universität versinken und finde mich, in den Augen der Jugend, immer nur als den fremdartigen Reaktionär. Aber auch unter meinen Kollegen stehe ich ziemlich allein. Denn da sie die Welt nicht sehen, so wissen sie nicht einmal, wo gegen sie ist. Und gerade weil sie dann jede Aktion, die ich für sie mache, mitmachen, liegt die ganze Verantwortung auf mir. Es ist überhaupt niemand da, mit dem ich über meine innere Not reden kann. Susanne, die ich als sie so hoch schätze und so gern habe, ist immer ratlos beim Eintritt in meine Welt. Am tiefsten quält mich das Versagen der Frauen, an die ich geglaubt habe. Alle treiben sie Volkserziehung und sehen doch kaum, daß wir in den grundlegenden Dingen des Volkslebens immer tiefer rutschen. Die Eindrücke der Novembervorträge habe ich nicht verwunden. Und so ist gestern meine Austrittserklärung aus dem Vorstand des Fröbelverbands, in dem ich mich fremd fühle, abgegangen.
Was man für mich empfindet, ist überall
[3]
| das Gleiche: Angst. Die Studenten haben Angst vor mir. Susanne hat Angst vor mir. Ein preuß. Ministerialrat, dem ich in der Sitzung Opposition machte, sagte zum Schluß: „Hoffentlich bin ich nicht in Ungnade gefallen.“
Das geistige Chaos in Deutschland wird immer größer. Kürzlich führte jemand den Begriff „konservativ“ wirklich auf Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist zurück. Wir Deutschen sind Stimmungsmenschen geworden, pflegen unsre „Seele“ und machen aus jeder Dilettanten aufführung, jeder rhythmischen Gymnastik eine neue Weltanschauung.
Es war wirklich erschütternd, als gestern im Kreise hoher ehemaliger Offiziere ein Dr. Wildgrube sehr gut über F. d. Gr. als praktischen Philosophen sprach. Das versteht doch sonst kein Mensch mehr: Pflicht! Man bewundert das Mittelalter, das eine Zeit der Askese war, und man baut selbst die Kultur ab, indem man für das sog. „Verdrängte“ wieder alle Freiheit fordert. Wenn selbst das Zentrum jetzt keine einheitliche Richtung mehr hat, dann weiß ich nicht, an
[4]
| welchen Maßen sich unser Volk überhaupt noch orientieren soll. Wir sind ja völlig ohne Ideal. „Volksgemeinschaft“ sagt man. Aber sie hat nie auf etwas anderem als auf gemeinsamer hoher Tradition beruht, und gerade sie tritt man mit Füßen.
Ich lege Dir eine Anzahl sehr ungleicher Briefe bei. Frau Paulsen habe ich geschrieben, daß ich das jetzt nicht könne; seltsame Existenz auch dies!
Darf ich Dich um folgendes bitten: geh mit meiner Visitenkarte zu Moro und sage ihm: ich bäte dringend, sich auf William Stern zu beschränken. Denn meine Auffassung von der Sache würde den Kinderärzten entschieden den größten Anstoß geben. Sie würde auch zu Sterns Ausführungen nicht passen, und mir sei der Zeitpunkt ein großes Opfer, weil die Tagung in meine spärlichen Ferientage fiele, die ich in Süddeutschland zu verleben pflegte. Er solle mich gutwillig loslassen. Du kennst mich ja gut genug, um alles richtig zu motivieren.
[5]
|
Die Kaiserin will die Beziehungen zu den intellektuellen Kreisen pflegen, die man als konservativ kennt. Eigentliche Politik ist das wohl nicht; sie will nur ein paar freundliche Eindrücke nach Doorn mitbringen. War es doch gestern ganz deutlich fühlbar, daß die alten Offiziere dem Kaiser bitter darum zürnen, daß er eben nicht verstanden hat: toujours penser, vivre et mourir en roi. Ich habe nur nach dem Befinden des Kaisers gefragt und gehört, daß er um Weihnachten eine Grippe hatte.
Kaufe doch den Mussolini u. sende ihn mir leihweise. Eigentlich „authentischen“ Wert hat so ein Buch natürlich nicht. Mir wäre also ebenso recht das Buch von Tirpitz.
Hildebrandt hat bei uns einen angeblichen Habilitationsversuch gemacht. Er ist Anhänger der Georgeschule. Das hätte ich toleriert. Er fiel aber durch Jaeger, Wilamowitz, H. Maier. Nun sucht das Ministerium ihn auf andre, m. E. verfehlte Art hineinzuschieben.
In Neubabelsberg war ich Sonnabend unangemeldet. Die Freude war unbeschreiblich groß.
[6]
| Es ging auch friedlich. Aber die seltsamsten Wahnideen werden immer sichtbarer.
Günther war hier u. wird Dir ja berichten. Es geht doch recht ins Unbestimmte. Die Zigarrentasche kann auch hier behandelt werden. Ein “Kriegsbeschädigter“ ist noch nicht gefunden. Die Hypothek gibt es sicher nicht billiger und erst nach der Gebrauchsabnahme.
Für Deinstedt hat sich der Ministerialdirektor Kaestner durch die Regierung interessiert. Er scheint aber doch ein bißchen „faul“.
Der Brief von Elisabeth ist sehr charakteristisch. Sie ist im Böcklin-Alter.
Ich muß wohl abbrechen. Viel herzliche Grüße
Dein
Eduard.