Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Februar 1928 (Berlin, Postkarte)


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6.II.28.
M. L.  Eben erhalte ich Deinen lieben Brief, und da doch an Arbeiten diese Woche kein Gedanke ist, will ich gleich mit einer Zeile darauf antworten. "Sachverständigkeit" ist nämlich so eine Sache. Es gibt Leute, die nicht einmal wissen, was für eine Schule sie besucht haben. Du z. B. Denn die Schule in der Weinmeisterstr. ist, wie [über der Zeile] (fast) alle höheren Schulen keine konfessionelle, sondern eine paritätische gewesen u. ist es heute noch. Du hattest nur den Eindruck des überwiegend protestantischen Charakters, weil eben eine Schule eine vorherrschende Färbung haben muß. Und Du wirst doch nicht glauben, daß die Simultanschule auf der R. (in der keine einziger Protestant sitzt), der rechtl. Verhältnisse wegen irgend etwas anderes als eine katholische Schule ist. Was das <unleserliches wort> der Entwicklung betrifft, so sind eben die meisten Länder Konfessionsschulländer außer Baden, Hessen u. (z. T.) Bayern. Also nicht urteilen, ohne Studium!
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| Genau so liegt es bei dem Prozeß. Alle Welt urteilt darüber. Es ist eine schauerliche Sensation. Aber wer kennt die Akten u. wer kennt die Menschen? Ich bin, so weit es für mein Gutachten wichtig ist, fast völlig klar; habe gestern eine genaue Tagebuchanalyse gemacht. Ein tragischer Fall. So ein lieber Kerl, so viel Lumpen ringsum und er – juristisch – ohne Zweifel einfach schuldig, aber ohne Ahnung der Tragweite. Es wird schwere Zusammenstöße geben. – Ich bin noch immer erkältet u. nervös nicht gut dran. Heut Vorm. Gericht, nachm. Neubabelsberg, abends Berlin. Kauf Dir den <Rand> Mussolini. Ich kenne das Buch v. T. nicht habe also meinerseits kein Urteil. Woher <Kopf> das Deine stammt, wenn Du es nicht gelesen hast, weiß ich nicht. <li. Rand> Sonnabend habe ich Frankes das Haus gezeigt. Vielleicht lasse ich den Ausbau doch machen. Hzl. Gr. Dein Eduard.