Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Februar 1928 (Lehrter Bhf./Wartesaal, Postkarten I+II)


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<die Scans der beiden Karten sind sehr schlecht, teilw. fast unleserlich>
Wartesaal Lehrter Bhf.   20.II.28.
M. L.  Hier sitze ich nun wieder mal eine dreistündige Mittagspause ab, während derer sich entscheidet, ob P. Kr. bis 1 Jahr 1 Monat bekommt, oder freigesprochen wird. Zuletzt schrieb ich Dir am Mittwoch nach m. Gutachtenerstattung. Am Nachm. krachte dann die Sache auseinander. Die Verhandlung am Sonnabend habe ich, durch Zeitungsnachrichten irregeführt, leider versäumt, also den großen Theatercoup von G. Du hättest Dir doch Berliner Zeitungen kaufen sollen. Es war z. T. recht "lehrreich". Aber nun hat jeder genug, u. mir ist es "reichlich über". Ordentliche Leute verlieren ihre Zeit wegen unordentlichen, u. was soll nun daraus werden: er fällt jetzt G. in die Hände u. das wird ihn nie zur Gesundheit führen. – Mir hat die Sache u. a. zweierlei gebracht: eine Liebeserklärung v. d. Wegscheider u. ein langes Zusammensein mit dem Psychopathen G. Außerdem habe ich allen Kollegen die Sache einzeln erzählen müssen. Es ist furchtbar, wie ich dadurch in m. Sachen gestört worden
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| bin. Einzelheiten mündlich, ab 20./21.III. ca.
Freitag erhielt ich hinten eine Abplattung durch Kommissionssitzungen. Sonnabend habe ich Zusätze für die 10. Aufl. der Jugendpsychologie gemacht, die heut im Plaidoyer vom Verteidiger, da er sie nicht kannte, enorm gefeiert wurde. Es ist aber ein gutes Buch. Auch der Inhalt von der 4. Aufl. Kultur u. Erziehung wurde festgestellt. Ich bin also nicht in Geldsorgen für die Zukunft, zumal auch die Hypothek beantragt ist u. nur noch 6000 M Raten <li. Rand> zu zahlen sind.
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| Freitag war ich im Hause, um Tapeten auszusuchen. Auch die Regale sind gezeichnet u. werden für höchstens 1000 M zu haben sein. Hingegen ist der Vorbau nicht zu machen. Ich hoffe aber, den schweren Schaden durch Umbau der Kellertreppe noch reformieren zu können. Das Innere, besonders mein Arbeitszimmer, sah bei Sonnenschein schon recht hübsch aus. – Gestern war ich erst 2 Stunden bei mir im Gespräch mit der Speckenbach (jetzt Kiel) nachm. bei Dora Th, abends 1½ Stde bei dem Geburtstagskind. Meine Rede über Staatsphilosophie u. vieles andere leidet Not, aber es muß auch mal so gehen. Gedanken habe ich Gottlob noch, nur kein Gedächtnis mehr. Die Vorrede zur engl. Übersetzung d. Lebensformen ist geschrieben, die schwed. Übersetzung der Jps erschienen, die indische in Vorbereitung. Heut Abend sollte ich eigentlich bei Minister Boelitzens Vortrag in der Ortsgruppe der Deutschen Akademie sein. Aber ich will schwänzen u. ev. Rückblick auf den Krantzprozeß schreiben. – Nicht zuletzt der Sache nach möchte ich für Deinen lieben Brief
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| danken u. für das Kästchen, das abgesehen von einer minimalen Klemmung ausgezeichnet paßt. – Mit Bernhard hatte ich zwischendurch eine moralische Auseinandersetzung. Ob sie mit ihrem herzlichen Schluß gewirkt hat – weiß ich nicht. Pädagogisch sind alle diese Sachen sehr interessant. Ich steh mehr in der Praxis als blinde u. taube Studienräte. Überhaupt: Erfahrung ist doch mehr als Wissenschaft. – Dies Geschreibsel, mein Liebes, mußt Du schon als Brief rechnen. Denn zum 25. werde ich kaum eingehend <li. Rand> schreiben können. Viel innige Grüße
Dein Eduard.

[re. Rand] Ich muß diese Woche noch zum Arzt nach Neubabelsberg.