Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1928 (Berlin/Wilmersdorf)


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<Stempel: Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

24.2.28.
Mein innig Geliebtes!
Da ich jetzt nicht mehr mit 10- und 12-, sondern mit 14stundentagen operiere, ist es für diesen Glückwunsch leider recht spät geworden. Und in der Stimmung ewiger Hast läßt sich so schwer sagen, was jenseits aller zeitlichen Angelegenheiten liegt. Ich bitte Dich zu fühlen, aus welchem Herzen heraus ich Dir zum Geburtstag Grüße sende: es ist die alte und die immer gleiche Treue. - Ein eigentliches Geschenk fehlt diesmal. Aber eine Postanweisung ist unterwegs, von der 30 M für die Sofarenaissance bestimmt sind.
Sonst kann ich heut nicht viel hinzufügen. Ich war gestern bei Frau Riehl in dem Sanatorium, das weit im Walde, bei Jagdschloß Stern, liegt, und so wurde der ganze Tag zur "Jagd." Das Haus ist vornehm u. schön. Der Arzt ein sympathischer
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| kluger Jude. Er schilderte die Sklerose als sehr weit vorgeschritten. Das psychische Leiden nannte er eine hysterische Psychopathie. Er bestätigte mir, daß ich in den Wahnideen die früher bezeichnete Rolle spiele. Bei m. Besuch im Krankenzimmer war die Freude groß; aber die Gedanken verwirren sich zu immer neuen Projekten, Phantasien, Stimmungen. Adelheid, die da denkt: "Weit weg ist besser als dicht bei" schrieb gestern. Sie möchten einen größeren Pump machen, der natürlich jetzt sehr ungelegen kommt, zumal ausgerechnet jetzt alle möglichen Leute mit der gleichen Absicht an mich herantreten. Ich werde antworten, daß ich die für jedes Jahr zugesicherten 2000 M in monatlichen Raten von 170 M geben werde, wenn eine rationelle Einrichtung der ganzen Existenz gewährleistet ist.
Von m. Vortrag für Mittwoch habe ich noch fast nichts, dafür aber nächste Woche 12 Doktorkandidaten, Pestalozzikonferenz und sonst allerlei. Es ist die alte Leier. Aber ich will heut nicht klagen, sondern mich an Deinem Festtag freuen, der gewiß erst Sonntag in großem Stil gefeiert wird. Grüße den Vorstand und wen ich sonst kenne. In Liebe und tiefer <li. Rand> Dankbarkeit Dein Eduard.