Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Mai 1928 (Berlin)


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19.5.28.
Mein innig Geliebtes!
An Deinen lieben Nachrichten habe ich den Gang Deiner Reise verfolgen können, allerdings nur bis zu dem Punkte, wo auch Du nun wohl vor besorgt erwarteten schmerzlichen Eindrücken standest. Mögest Du - nicht allzu sehr von dem Wiedersehen mit dem armen Onkel bedrückt - wohlbehalten heimgekehrt sein.
Selten war mir eine Heimkehr schwerer als die am Montag ohne Dich in die leeren Räume. Lange konnte ich mich nicht fassen. Der unerwartete Besuch des Psychiaters Hildebrandt brachte dann eine Art von Ablenkung ins Gleichgiltige. Und ich bin ja gewöhnt, im stillen zu tragen. Die regelmäßige Arbeit betäubt. Dafür muß man ihr vor allem dankbar sein.
Über die Hausangelegenheiten ist folgendes zu berichten, was Dich vielleicht als Fortsetzung der gemeinsamen Maßnahmen interessieren wird:
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Der Schlosser wird bis heut vergeblich erwartet. Der Gasverbrauch hat vom 8.V. bis heute 29 cbm betragen. Genaue Feststellungen, ob der Gasometer wirklich beim Geschlossensein aller Hähne mit Ausnahme des Haupthahnes weiter läuft, waren mit Hilfe des verdoppelten Intellektes der Unkonzessionierten und der W. nicht zu machen. Tatsache ist, daß es in der Küche nach Gas riecht u. daß etwas nicht in Ordnung ist. Herr Krahl macht dazu törichte Bemerkungen, die ich zurückgewiesen habe. Die Gasanstalt meldet in höflicher Form, daß alles in Ordnung sei. Herr Korte allein, der mit s. Familie (3 Personen) auf dem gleichen Herd monatlich 35 cbm braucht, hat für den Dienstag eine Generalrevision mit einem Gasinspektor angekündigt. Dabei wird nun auch die Beschwerde von Herrn Strasen zu erörtern sein, daß nach Regengüssen seine Küche von der Dachrinne aus voll Wasser laufe. Das ist eigentlich doch der schlimmste Schaden. Herrn Korte habe ich ganz am Anfang gesagt, die genaue Prüfung der Wasserverhältnisse im Keller sei mir
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| die Hauptsache. - Der Gärtner ist endlich gestern gekommen. Ein Ostpreuße von nicht sehr intelligent wirkendem Eindruck. Vielleicht hat er es in sich. Jedenfalls hat Herr Strasen gleich mit dem Umgraben und Abstecken vorn sowie mit der Beseitigung der Steine begonnen.
Soweit das Haus. Aber es ist ja jetzt garnicht die Hauptsache. Heut früh kam ein Brief von Frau Riehl, der mit der Frage begann, ob ich kommen würde. Der Inhalt wirkte zunächst völlig verworren. Ich fuhr sogleich Nachmittag (von Susanne begleitet) hinaus. Vielleicht hätte ich es nicht tun sollen. Die Begegnung war unsagbar tragisch. Sie sprach sogleich von der sicheren Erwartung, allmählicher Umnachtung zu verfallen, und forderte von mir ein erlösendes Mittel. Alles, was sie sagte, war von unbedingter Klarheit u. Konsequenz. Auch der Inhalt des Briefes wurde nun verständlich. Und das ist das besonders Tragische. Jemand hat ihr früher einmal das Versprechen gegeben, ihr im Ernstfalle ins Freie zu helfen. Er hat es scheinbar erfüllt,
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| und die Rückkehr danach muß allerdings entsetzlich gewesen sein. Ich habe nichts versprochen. Aber damit ist es nun zwischen uns eigentlich aus. Sie hat von sich aus absolut Recht. Ich kann es nicht, darf es nicht. So endet diese irdische Beziehung mit einem nicht lösbaren schrillen Ton: ich bin ihr das, was sie als tiefste Liebestat forderte, schuldig geblieben. Peter Gross war auch heute bei ihr. Seine äußere Erscheinung deutet auf den Kommunisten. Ob er von dieser Basis aus den Weg findet ..........?
Ich bin an dieser Stelle nicht mehr so leidensfähig, wie es sein müßte. Saiten, die längst überspannt sind, klingen nicht mehr. Aber theoretisch stehe ich wenigstens jetzt ganz auf ihrer Seite. Morgen wird Lore kommen. Man sucht, trotz Frau Riehls Widerspruch, nach einer Schwester. Dr. Sinn empfiehlt unter den obwaltenden Umständen dauernde Überwachung.
Nach solchen Eindrücken wirkt das Zusammensein mit Susanne wenig heilsam. Beim Abschied beschwerte sie sich, daß ich zu ihr nicht freundlich sei, sobald "andere" zugegen sind.
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Auch von Frau Witting kam heut ein Brief, der eigentlich als Beschwerde Brief wirkte. Sage mir, mein Liebes, was hat man eigentlich von den Menschen?
Dora Thümmel kann nicht operiert werden, weil die Niere noch nicht gesund ist. Und worin besteht diese Krankheit?
Die Bilder vom Dasein sind augenblicklich so trübe. Man soll es immer wieder von innen aufbringen, aber irgendwoher muß man es schließlich doch auch nehmen. Manchmal möchte man glauben, die, die noch geistig gesund sind, das seien eigentlich die Narren.
Am Mittwoch habe ich 4 Stunden Sprechstunde gehalten. Heut war ich bei Frau Dietrich. Warum eigentlich? Gestern habe ich Frau Jung geantwortet. Immer soll man von der Kraft abgeben. Aber irgendwann kommt man auch einmal zur Unterbilanz.
Morgen also Wahl, Besuch mit Lindemann, dann Erika u. Bernhard, um 4 kommt Susanne. - Die Vorlesung hat eine Wendung genommen, die bedeutsam heißen könnte, wenn mir jetzt alle diese Dinge überhaupt etwas
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| bedeuteten.
Die Bank sendet Dir statt der 200 M  300; der Juni ist dabei.
Wenn es also glückt, sehen wir uns in Mittenwald, trotz des Befremdens von Frau Witting.
Ich sage Dir nichts darüber, was Dein Hiersein mir bedeutete. Du hast es wohl deutlicher gesehen, als ich es in Worten jemals ausgesprochen hätte.
Grüße unsre Freundin. Und gewöhne dich wieder an den Heidelberger Tag, wie ich mich an den Alltag gewöhne.
Sie innig und dankbar gegrüßt von
Deinem
Eduard

[] Geheeb war lange da, und voll Wärme. Er hat mir die - wirklich seltsame - "Geschichte seines schlechten Rufes" erzählt. Krantz macht sich bis jetzt gut.