Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27./28. Mai 1928 (Berlin)


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27.05.28.
Mein innig Geliebtes!
Heut war nun Pfingsten. Der Tag hat mir so Schweres gebracht, daß ich bei Dir Hilfe suchen muß.
Aber Du sollst das Folgende von vornherein richtig lesen. Deshalb erinnere ich Dich daran, wie Dein Fortgehen mich ganz aus meiner Fassung warf. Einer solchen Stunde wie der nach der Heimkehr vom Bahnhof kann ich mich nicht erinnern, seit dem Tode meiner Mutter und vielleicht seit damals, wo mein Vater schied, ohne daß ich ihn gefunden hatte. – Die Wahrheit ist, daß meine Seele in der Deinen ruht. Ich würde aus äußeren Gründen – als Pflichtmensch – nicht einmal wünschen, daß Du immer bei mir wärest. Aber in jedem Tiefsten bist Du ja bei mir und ich bei Dir.
Du weißt aber auch, daß dieses Glück nicht kampflos ist, seit langem. Ich bin, wie die meisten, zweiteilig. Ich habe Fleisch und Blut.
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| Und ich kämpfe damit so, daß Du annehmen kannst, die Hälfte meiner nervösen Beschwerden stammt von da oder ist der Ausdruck eines revoltierenden Körpers.
Du weißt ja auch das andere: Früher war das nicht so schlimm. Susanne hat das nicht gerade gemerkt, aber da ich ihr wirklich gut war, wurde sie der einzige Mensch, der mir ernstlich eine Versuchung bedeutete. Und ich bin nicht absolut stark, obwohl ich bisher tapfer durchgehalten habe. Aber eben deshalb sind mir die Nerven manchmal fast zersprungen.
Nun heut: ein trüber, kühler, stimmungsloser Pfingsttag. So recht ausgezeichnet durch ein Zusammensein, in dem bei gutem Verständnis doch das Letzte schwieg, wie immer. Und jetzt treibt sie das Unglück, wie schon 1924 und 1925 wieder daran zu rühren, wieder diese schuldvoll gelebte unmögliche Halbheit mit Namen zu nennen. Sie habe das Gefühl gehabt, daß zwischen uns in den letzten Monaten etwas anders geworden sei. Ich, noch ganz ahnungslos, meinte, sie fühle sich zurück
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|gesetzt. Und da sagt sie: "Ich glaubte, wir würden uns heiraten." So sagte sie zum ersten Mal. Und vielleicht – leider – hatte sie von dem aus, was sie sehen kann, darin recht und dazu ein Recht.
Wie es weiterging an diesem traurigen Abend, will ich nicht beschreiben. Ich möchte auch unter keinen Umständen von Dir Ähnliches hören, wie es in dem Telegramm von 1915 lag.
Denn das sind feststehende Wahrheiten, die ich heut wieder – leider so schonungslos – wie 1924 und 1925 – aussprechen mußte: Mein Tiefstes klingt mit Susanne nicht zusammen. Ich habe sie lieb. Aber wenn das letzte nicht berührt wird – welchen Ton hat dann das "lieb"? Und nun könnte man über eine Ehe zur Not denken wie Aristoteles gedacht hat. Für den griechischen Menschen scheint sie nichts persönlich-Zentrales gewesen zu sein. Aber ich fühle: mein Gehirn ist seit Jahrzehnten so übermäßig in Anspruch genommen, daß ich keine Kinder haben darf. Und schließlich das Wichtigste: ich könnte sie ja nicht glücklich machen.
Wie es bei der unseligen, seit Jahren von
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| mir klar erkannten Halbheit unseres Verhältnisses nicht anders sein kann, kam dies heut nun wieder einmal unheilvoll durch Aussprechen an den Tag. Ich verstehe tiefer als je die Doppelwahrheit der Mythen: "Nie sollst Du mich befragen" und das von Melusine.
So steht es. Und ich muß es Dir sagen, weil Du ja an allem teilhast. Bis in die tiefste Seele schlägt es mich nieder, das arme Wesen so unglücklich gemacht zu haben. Das ist, weiß Gott, meine tiefste Not. Was mich betrifft, so ist vieles in mir erstarrt, seit ich das Schicksal mit Frau Riehl schrittweise begriff – nicht das von heute; sondern das seit 1914. Und dieses große Haus, mit keiner Seele – es ist auch nicht leicht.
Was nun werden soll, weiß keiner von uns. Sie will und kann nicht lösen, was immer wieder, mit Naturnotwendigkeit, an denselben Punkt heranführt. Ich kann es ja auch nicht. Denn sie ist mir zur linken Hand angetraut, wenn ich das so nennen darf.
Du hast hellseherisch, fast über mein eigenes
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| Wissen hinaus, die Novembervorträge richtig gedeutet. Sie waren für mich so viel, daß ich über dem fehlenden Echo mich als Person in Frage gestellt fand.
Der Mensch denkt aber zunächst in Stunden und Tagen weiter. Dienstag geht es nun nicht nach Freienwalde, worauf ich mich fast kindlich gefreut habe, sondern – damit Frl. W. nichts merkt – irgendwohin allein. Es ist egoistisch wenn ich hinzufüge: mein Kopf und mein Herz wollen manchmal nicht mehr. Ist es Schuld, daß ich in dieses glücklich-unselige Netz geraten bin?
Niemand von uns beiden weiß im Augenblick weiter. Ich weiß nur, daß alles sich in mir in Mitleid auflöst. Aber ich <unleserl. Wort> das nicht mit anderen. Auch von dir erwarte ich keinen Rat, keinen Hinweis. Nur mußte ich dir sagen, daß über dem Gas und der Wasserfrage und dem ganzen Thema Nr. 13 anderes mich getroffen hat, was aus dem Bogen Apolls kam. Ich habe nicht mehr viel Reserven. Aber auch darin ehre ich den Willen einer
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| höheren Macht, die mir unendlich viel gegeben hat und täglich nimmt. Ich bitte sie, daß ich den Weg finde. Nicht für mich als diesen, so schwer es sein mag. Sondern in ihrem von mir noch nicht verstandenen Sinne. [über der Zeile] dem göttlichen. "Dein Wille geschehe. Aber wenn Du kannst, mache es ihr leicht."
Dies alles lege ich liebevoll an Dein treues Herz und bin
Dein
Eduard.

28.V.28.
Eine schreckliche Nacht! – Ich bin von Donnerstag an in Weimar, Hotel Elefant.
Sei innig gegrüßt und verzeih
Deinem
Eduard.