Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Mai 1928 (Berlin)


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30. Mai 1928.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe mir hin und her überlegt, was man wegen Rudi raten soll. Aber es ist um so schwerer etwas zu finden, als das Bild, das gezeichnet wird, doch ganz unklar ist. Auf der einen Seite lauter Züge psychopathischen Versagens, so daß er schon für Bodelschwingh reif sein soll - auf der anderen der Gedanke mit Amerika, wozu doch viel Energie und Tatkraft gehörte. Ich halte die Erscheinungen aus der Entfernung einfach für Schwäche. Heute nennt man das Psychopathie. Aber eigentlich ist es Zeichen einer Erziehung, die nicht fest genug war und infolgedessen nicht geglückt ist. In der Regel laufen solche Fälle so, daß der betr. Sünder ein paar Semester herumlumpt und sich dann selbst zurechtfindet oder von einem Freund herausgeholt wird. Manchmal endet es auch trauriger. Will man jetzt eingreifen, so sehe ich nichts, als ihn durch völlige Entziehung der Geldmittel zu zwingen, dem Wunsch des Vaters zur Annahme einer Lehrstelle in der Landwirtschaft nachzukommen. Diese Stelle aber
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| müßte Georg Malcus in seiner Landkundschaft auf freundlichem Wege beschaffen. Etwas anderes sehe ich nicht, gibt es wohl auch nicht.
Ich freue mich, daß Du Musik von solchem Range genießen konntest und daß endlich auch der Sommer etwas begonnen hat. Fraglich genug sind seine Leistungen noch immer. Heut ist es gewittrig; ich schreibe im "Silberzimmer" am offenen Fenster.
Das Haus kommt nun in das Stadium, wo es mir auch finanzielle Sorgen zu machen beginnt. Und zwar durch Zusammentreffen folgender Umstände.
Du hast schon gelesen, daß der Vorrang für die Hypothek Lorenz nicht eingeräumt worden ist. Daraus folgt, daß entweder seine oder die Domänenhypothek zurückgezahlt werden muß. Zufällig traf ich heute Lorenz, und er entschied sich für die Zurückzahlung seines Darlehens (was auch für mich vorteilhafter ist, da es ½ % höher zu verzinsen ist.) Ich hatte nun damit gerechnet, daß Susanne mir eine 2. Hypothek von 4000 M gäbe. Das aber möchte ich nach Lage der Dinge nicht mehr, muß mir also allein
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| helfen. Mit Herrn Korte (der natürlich auch durch jeden Besuch neu kostet) hatte ich heut eine Unterredung. Es wird wohl unvermeidlich sein, nachdem Herr Krahl diesen Fall nicht geregelt hat, zwei Sickergruben anzulegen. Diese kosten 530 M. Die 1000 M für Frl. Wingeleit sind eigentlich seit gestern fällig. Ich will ihr aber, Lebens und Sterbenshalber auf beiden Seiten, bis zum 1.X. nur einen Schuldschein geben (den Du ev. zu honorieren hättest). Denn warum soll die Minna die 1000 M bekommen oder sonstwer? Endlich kam gestern eine nicht ganz verständliche Anfrage v. Adelheid, die man so deuten kann, als ob sie den jährlichen Zuschuß von 2000 M jetzt wünschen. Wo soll das alles in bar herkommen, zumal doch dies Jahr noch ca 5000 M Steuern zu zahlen sind und höchstens das Kolleggeld als größere Einnahme bevorsteht? Der Garten läßt sich dies Jahr vielleicht mit 600 M abmachen.
Du wirst zu erfahren wünschen, wie es in der traurigen Sache nun weitergegangen ist. Ich war am 2. Feiertag noch ganz zerschlagen. Gegen Mittag gab Susanne einen Brief ab, in dem sie vieles versprach, mich aber zugleich
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| beschwor, Dienstag doch zu dem verabredeten Ausflug zu kommen. Ich war schwach genug, es zu tun, und so beginnt nun der Kreislauf von neuem. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen: Wenn Susanne garnicht mehr in mein Haus käme, dann wäre ich hier in einem Grade vereinsamt, den auch der Stärkste wohl nicht aushält.
Das Zusammensein begann schweigsam. Aber wie die Menschen einmal sind: man kann nicht stundenlang in der Schicht tragischer Erlebnisse existieren; bald ist man wieder an der Oberfläche. Tag und Gegend waren schön; sie war gut und lieb, und wenn man einen Erholungstag haben will, so fällt es ja auch nicht auf, daß man mit ihr nie in die Tiefe kommt. Das Ganze ist mir in seiner psychologischen Wirklichkeit und Notwendigkeit durchaus klar. Es hat an keiner Stelle etwas Unnatürliches oder Niedriges. Nur kann es auf die Dauer ohne schweren Bruch auf beiden Seiten nicht gelebt werden. Von ihr nicht, weil, wie die Erfahrung lehrt, die weitergehende Hoffnung doch immer wieder durchschlägt. Von mir nicht, weil diese Halbliebe auch meine Natur
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| nicht erfüllt und so immer eine doppelte, divergente Sehnsucht in mir bleibt. Fazit: Es muß trotzdem so weitergehen und ich muß durch leidenschaftliche Hingabe an meine Arbeit auszugleichen suchen, was mir in dieser Hinsicht zu voller Klarheit und Reinheit zu bringen nicht bestimmt ist.
Wir machten die Tour übrigens fast genau so wie damals, als es noch vorfrühlingartig war. Und meine Gedanken suchten Dich.
Dora Thümmels Operation kann nicht stattfinden. Aber die Niere soll nicht krank sein; es handelt sich um eine chronische Blasensache.
Muthesius, der heute kommen wollte, hat abgesagt. Morgen beginnen die anstrengenden Weimarer Tage. Bis dahin aber ist noch viel zu erledigen. (wobei das meiste dann doch liegen bleibt), und so muß ich hier dies Gespräch mit Dir abbrechen. Denn ich muß jetzt auch noch zum Rechtsanwalt. Meine Nerven sind labiler, als in jeder Hinsicht gut ist. Sie müssen aber bis August noch halten.
Möge es Dir gut gehen!
Mit liebevollen Grüßen
Dein
Eduard.