Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juni 1928 (Berlin/Dahlem-Dorf)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

9.6.28.
Mein innig Geliebtes!
Daß ich Dir an diesem Sonnabend-Vormittag endlich schreiben kann, beruht weniger auf der Tatsache einer freien Stunde, als auf dem Erschöpfungszustand, der mich nötigt, etwas das Tempo zu mildern. Ich habe Dir für so viel treue Anteilnahme und Mitsorge zu danken! Schwerlich wird das der müde Kopf und die ungelenke Feder voll zum Ausdruck bringen können. Die "Stürme" der Pfingstwoche, die Arbeitslast, der Fall Riehl, die gewittrige Luft - alles rüttelt an meinen Nerven herum, die nun bald genug hergegeben haben.
Jene "Stürme" sind ja nun wieder einmal zur Ruhe gekommen. Wie so oft schon. Es ist eben eine unlösbare Frage. Sie wird in gewissen Abständen immer wieder von neuem aufbrechen.
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Es wird Dich interessieren, von den äußeren Ereignissen zu hören. Von Weimar will ich nur sagen, daß es - abgesehen von der Kälte - eine wohlgelungene Tagung war. Der Besuch der Dornburger Schlösser war wirklich etwas Schönes; am schönsten aber wohl ein Schubert-Quartett. Für mich war wohltuend die wortlose Aussöhnung mit Willy Böhm; auf der anderen Seite stand der Eindruck, daß Muthesius schwer leidend ist. Leber. Er soll nach Karlsbad oder Mergentheim. Nächstes Jahr wird er 70. - Von Weimar brachte ich mir den Schnupfen des Präsidenten Petersen mit.
Im Hause ist die Gasfrage nach 4 Wochen endlich gelöst. Es sind 3 undichte Stellen am Herd und Warmwasserapparat entdeckt worden. Dazu sind etwa 7 Sachverständige nötig gewesen. Der Verbrauch wird nun endlich normal werden. Der Garten gewinnt sehr schnell Gestalt. Für 300 M Pflanzen sind gekommen. Wege werden angelegt. Ein Schlauch für 57 M. "Karre ist nötig" Pipereit. = 26,50 M. 2 Erdarbeiter u.s.f. Wenn ich aber mit 800 M auskomme, ist es immer nur die Hälfte
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| jenes Gärtnereianschlages. - Die Wasserangelegenheit ist immer noch nicht entschieden. Die Sickergruben sind mir zu teuer. 2 Rinnen, zementiert, lassen sich vielleicht billiger herstellen. Ein Beamter war heut da, der die Zulässigkeit bestätigt hat. Ob das Wasser aus dem Keller verschwindet, ist mehr als fraglich. Herr Str. macht in all diesen Dingen einen bestimmten und tatkräftigen Eindruck. Mit Pipereit steht er aber überkreuz.
Die Pfandbriefe sind verkauft und das Geld für die - Cession der Hypothek Lorenz an mich liegt bereit. Ich habe dann nur noch 800 M Zinsen im Jahr zu zahlen. Vorläufig muß mir Susanne etwas freihändig leihen, weil ich die festgelegten 13000 M nicht gern angreifen möchte. Aber im September kommt hoffentlich das Kolleggeld und voraussichtlich schon wieder eine neue Auflage Jugendpsychologie. Nur Juli und August werden also schwierig sein. Aber mit 2000 M von Susanne komme ich wohl durch.
Dazu kommt nun allerdings der Riehlsche Geldbedarf. Die Lage ist dort so verworren, daß sie sich brieflich nicht schildern läßt. In einem Tage
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| erhielt ich darüber [über der Zeile] je einen Brief von Lore, Adelheid, Frl. Knaack, Dutzi Schrader und hatte 3 Besprechungen. Am nächsten Tag Eilbrief vom Rechtsanwalt. Ich habe vorläufig abgelehnt, hinauszufahren, weil ich Geschäftliches mit ihr nicht besprechen kann und diese Situationen für beide Teile qualvoll und nutzlos sind. Man kommt aber trotzdem aus der Aufregung nicht heraus.
Die Vorlesungen und Übungen gehen bisher ganz gut weiter. Später wird es etwas brüchig werden. Mit der Erledigung der hier liegenden Riesenmanuskripte komme ich aber nicht vorwärts, weil meine Arbeitskraft herabgesetzt ist und immer etwas anderes dazwischen kommt.
Ein paar Briefe lege ich zur Kenntnisnahme bei.
Für die Packetsendung danke ich vielmals. Die Medikamente sind im Augenblick, Gottlob, nicht so dringend nötig. Die Metallplatte werden wir vorsichtig anbringen. Die Eierbecher sind ganz angekommen. Nun wird bei Dir ja wohl bald ausverkauft sein? Die Zigarren in der Tasche sind etwas ganz Ausgezeichnetes, hingegen war
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| es ein grauenerregender Anblick zu sehen, wie alle mit der Spitze oben herausspießten.
Grete Paulsens Besuch wurde im letzten Augenblick abgesagt. Morgen kommt Herr v. Engelhardt. Freitag bei Seitz. Bis Anfang Juli ist so ziemlich alles besetzt.
Das Zitat aus L. u. G. mußt Du Dir in einer vollständigen Ausgabe suchen. (Ausgabe nach dem Text von 1781/3/5/7. Die Bilder von Freienwalde - das eine ist ganz unheimlich und darf niemand außer uns sehen. Die anderen aber sind hübsch.
Im übrigen wäre noch viel Einzelnes. Ich schleppe mich in meiner seelischen und physischen Müdigkeit durch diese Wochen hindurch mit dem hoffnungsvollen Blick auf Mittenwald. Da wollen wir - hoffentlich glückt es - mal wieder wirklichen Frieden genießen.
In tiefer Dankbarkeit für alles Innere und Äußere grüßt Dich
Dein
Eduard.