Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Juli 1928 (Berlin/Dahlem-Dorf)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

8. Juli 28.
Mein innig Geliebtes!
Es kam so: Am Sonnabend den 30., wo ich vormittags einige Stunden frei hatte, machte ich den Versuch, von den 50 Geburtstagsglückwünschen wenigstens die schnell beantwortbaren zu erledigen. Das Wichtige stellte ich zurück. Ich kam dann nur noch einmal in einer müden halben Stunde zu Privatbriefen, und so schien es mir recht, endlich einmal Frau Witting zu schreiben, die seit dem 9. April etwa keinen Brief von mir bekommen hat. Meine Lage kann sich eben doch niemand vorstellen, auch nicht, wer sie tausendfach mit angesehen hat. Natürlich bleiben immer ein paar verfügbare Minuten. Aber es gibt Stunden u. Tage, an denen ich meine Kraft für besondere Leistungen ein wenig aufsparen muß. Denn wenn ich von 9-6 Briefe schreibe, kann ich um 8 keinen ordentlichen Vortrag halten. Ein richtiger Brief setzt aber auch ein wenig Sammlung voraus. Nun aber, lassen wir
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| dies Thema; ich bin an "Reklamationen" so gewöhnt, daß mir mehr und mehr alles egal wird.
Ich habe mit Besorgnis von dem Malheur mit dem Oberlichtfenster gehört. Das hätte leicht sehr schlimm ablaufen können. Es freut mich, daß Du "die wundervollen Sommertage" wenigstens bei einer Odenwaldwanderung genießen konntest. Hier ist von solchen Tagen nicht die Rede. Es ist, kurz gesagt, meist unerträgliches Wetter. Furchtbarste Gewitterspannungen, dann Nächte mit 4-6° Wärme. Aber auch von Spaziergängen ist nicht die Rede. Nur heut vor 8 Tagen war ich mit Susanne 3 Stunden im Wald. Zu eigentlichen Unternehmungen wäre ich auch zu schwach. Mein Herz wird immer unregelmäßiger, und ich fürchte beinahe, daß der immer wieder sich meldende Rheumatismus uns einen Strich durch die Sommerpläne machen könnte.
Anderen geht es noch schlechter. Vor 14 Tagen war Dora Thümmel hier. Ich habe wegen ihres Zustandes die ernstesten Befürchtungen. Muthesius ist in 1. Linie milzkrank. Angeblich Infektion v. eitrigen Zähnen. Möglicherweise Operation nötig. Auch in dieser Sache müßte ich vermitteln. Bier
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| hat sich sehr freundlich bereit erklärt. Die Operation ist aber nicht unbedenklich. - Strasen war längere Zeit Grippekrank, hat Herzaffektion behalten, ist noch nicht im Dienst u. soll zur Kur nach Kudowa. Heute ist Taufe. Ich habe bei Wilm ein kleines Geschenk besorgt.
Im Garten blüht einiges. Die Regenwasserleitung ist fertig u. bezahlt. Das Wasser im Keller bleibt, u. zwar in auffallender Nichtübereinstimmung mit der Wetterlage. Krahl verhält sich unliebenswürdig. Korte verspricht, - - die Sache zu beobachten. Das Sparengitter ist gestrichen.
Aber ich vergesse das Hauptthema meines Briefes. Ich wollte Dir danken für Deine lieben u. schönen Geburtstagsgaben. Die Bilder sind großenteils sehr hübsch. Die Löffel sind sehr willkommen. Diese Sorte Zigarren eignet sich auch für ganz schwache Herzen. Die Decke ist von ausgezeichneter Qualität; für die Reise aber vielleicht zu schwer. Über das wiederhergestellte Notizbuch habe ich mich gefreut - trotzdem.
Denn von Neubabelsberg (wo ich nur einmal war) kommt ein ewiges Hin u. Her. Ich war 2mal beim Rechtsanwalt, einmal beim Arzt, wiederholt mit Frl. Knaack in Beratung. Einmal war Hans Heyse über Mittag hier. (Heut
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| Mittag kommt übrigens Lore.) Die Stimmen mehren sich, die den Charakter angreifen; von Heyses geschieht dies besonders scharf; aber auch vom Arzt u. anderen.
Benno Böhm hat s. Preis von 2000 M erhalten u. war in der Akademiesitzung anwesend, in der das verkündet wurde. Durch ihn erfuhr ich dann erst, daß mein Wunsch, ihn hierherzuziehen, zur Leitung der Kehrbachschen Gesellschaft, vom Ministerium bereits erfüllt ist. Diese beiden Sachen sind also quasi durch bloßes Antippen gelungen. - Dafür habe ich in einer Sitzung im Ministerium Herrn Richert wieder so furchtbar auf die Zehen getreten, daß er ohne Abschied hinauswankte.
Trotz meiner Erschöpfung sind die Extraleistungen immer noch sehr erfolgreich. Ich habe wieder für die Turnlehrer gesprochen, und wieder war Jubel u. Enthusiasmus. Gestern habe ich bei einem Festessen des Elite-Ferienkurses unserer Universität die wissenschaftl. Rede gehalten, mit allseitiger großer Aufmerksamkeit u. Wirkung. Hinterher hatte ich eine angenehme Tischnachbarschaft: links den Rektor Norden, rechts Prof. Hertz, den Nachbar. Nur das furchtbare Schwitzen bei diesen Gelegenheiten ist mir nicht gesund. Die Vorlesungen sind noch nicht zum Stocken gekommen, obwohl ich mir wirklich jeden Tag die notdürftigste Zeit dafür erkämpfen muß.
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| Am 1. Juli wurde es leer. Aber die Lücken sind von Nassauern u. Durchreisenden bereits wieder aufgefüllt. Überhaupt - die endlosen Durchreisenden! U. a. Obert aus Mediasch, Mittwoch 3 Morgners u.s.f. Bei Grete Paulsen war ich auch. Trauriger Verfall im Hause. Sie selbst: Arthritis deformans. Hildebrandts lassen Dich grüßen. Auch Ermans sprechen sehr lieb von Dir. Kerschensteiner konnte ich auf seinen Brief 3 Wochen lang noch nicht antworten. Es soll gleich nachher geschehen.
Der Brief von Frl. Eylan macht keinen ungünstigen Eindruck. Hier wurde eine Frau angeboten, aber mit Tochter (Quintanerin), was nicht paßt. Susanne, die seit Mittwoch nach der Schweiz gereist ist, verfolgt die Angelegenheit mit der Frau Rohde weiter. Es liegt mir sehr daran, einen Menschen zu bekommen, der etwas selbständige Intelligenz hat, und der mir nicht auf Gemüt u. Nerven fällt. Das letztere soll bei der Frau R. garantiert sein. Ich wäre sehr dankbar, wenn Du über Frl. Eylan noch Näheres erfahren könntest. Mit der W. geht es im alten Trott. Ich kann nur die zunehmende Antipathie schwer unterdrücken.
Der Landwirtschaftsminister hat auf meine verhüllte Beschwerde sehr höflich geantwortet. Meine Vermögenssteuererklärung mußte auch gemacht werden.
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| Zwei Tage habe ich nach m. Kassenbuch gesucht. Frl. Silber fand es natürlich sofort. Sie ist überhaupt - Gold. 17 Studienstiftler haben sich bei mir persönlich vorgestellt. Einen Stoß von Mss. habe ich erledigt; ein ebenso großer liegt noch da. Täglich kommen ca 3 neue Bücher. Vor 8 Tagen gingen 45 Postsachen in 2 Tagen heraus; gestern 20.
Du siehst vielleicht, daß es doch nicht zufällig ist, wenn mein Wunsch, Dir zu schreiben, immer wieder vereitelt wurde. Physisch gebe ich mehr, als täglich gefordert wird, einfach nicht her, und auch das wird die noch bevorstehenden 5 Wochen nur mit Substanzverlusten gehen.
Teile mir doch bitte die Adresse v. Günther mit. Er hat sie törichter Weise nicht im Innern seines Briefes. Lesen kann ich den Jung-Stilling jetzt natürlich nicht. Und wo steckt Hermann jetzt?
Eigentlich wollte ich Dir m. Geburtstagsbriefe, wenn sie alle beantwortet sind, schicken. Ein buntes Bild. Aber das hat ja kein aktuelles Interesse mehr. Ich muß jetzt leider abbrechen. Halte den Daumen, daß aus Mittenwald etwas wird. Ich freue mich so darauf, daß ich eigentlich nur in dieser Hoffnung lebe. Viele innige Grüße und herzlichsten Dank. Dein Eduard.
[re. Rand] Danke doch unsrer Freundin für ihre lieben Glückwünsche.>