Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. September 1928 (Partenkirchen)


[1]
|
Partenkirchen, den 11. Sept. 28.
Mein innig Geliebtes!
Gestern Abend, als ich von einem nur halb geglückten Ausflug mit Felicitas nach dem Fernpaß zurückkam, fand ich Deinen lieben Brief, der nun wieder die Überschrift "Heidelberg" trägt. Man kann doch keinen lieben Menschen reisen lassen, ohne in Sorge zu sein, so lange er auf der Eisenbahn ist.
Die Trennung war wieder bitter schwer. Es waren wundervolle Tage. "Glücklich" kann ich sie nicht nennen. Denn zum Glück bin ich nicht mehr fähig. Man muß dankbar sein, wenn es leidfreie Tage gibt. Aber auf das Glück kommt es im Leben auch nicht an. Wenn man gemeinsam wandert - durch Natur und Dasein - so ist das Schönste daran, daß für einige Zeit die Einsamkeit schweigt und die Angst um die Zukunft. Ich kann diese Angst nicht mehr loswerden. Über der
[2]
| deutschen Zukunft hängen zu schwarze Wolken.
Frau Witting war trotz der Hitze am Bahnhof. Sie wie Felizitas sind besonders gut zu mir. Wie stets, belebt das Temperament und der Geist dieser besonderen Frau die Stunden des Zusammenseins mit immer neuem Reiz. Ich habe sofort angefangen zu Arbeiten. Der große Berg steht wieder vor mir wie der bei Mittenwald. Man wird nie hinüberkommen. Heut, an einem kühlen Regentag, ist dies der 8. Brief, den ich schreibe. Die Tage vorher habe ich immer nachts bis gegen ½ 12 noch auf dem warmen Balkon gesessen u. Korrekturen gelesen.
Gestern war es so unsagbar schwül, daß auch Felizitas den an sich bequemen Weg kaum leisten konnte. Gegen Abend fuhren wir noch nach Bichlbach u. spielten im Garten mit einem lieblichen Kinde, von dem wir beide viel lernten.
Frau Riehl liegt mit Luftröhrenkatarrh im Bett. 8 Seiten seltsame Mischung von Wahrheit u. Wahn.
[3]
|
Es tut mir leid, daß Du nun auch die Hausarbeit wieder allein machen mußt. Hoffentlich kommt die Hilfe bald. Dem Vorstand meine herzlichen Wünsche u. Grüße. Nach dem Karwendel sehe ich jetzt nicht mehr hin. Das ist eine abgeschlossene Zeit, deren Segen ich im Herzen trage. Der Berg, von hier gesehen, bedeutet mir etwas anderes. Das läßt sich nicht mischen.
Ich werde gleich zum Abendessen gehen müssen. Dabei und danach gibt es Gimmeldinger. Aber die Liebfrauenmilch wird deshalb nicht vergessen.
Ich wünsche Dir, daß Du die physische Erholung recht kräftig bewahrst. Und über Deinem Weg laß die Gemeinschaft leuchten, die ja die gleiche ist, ob uns Räume trennen oder nicht.
Innig u. dankbar
Dein
Eduard.