Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. September 1928 (Dahlem)


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Dahlem, den 20. Sept. 1928.
Mein innig Geliebtes!
Der letzte der 6 Berliner Tage geht nun auch zu Ende. Ich wollte Dir heut endlich ausführlich schreiben; aber es kam eine gesalzene Abendpost, die mir von dem bißchen Zeit noch viel weggenommen hat.
Vor allem einen verspäteten Dank für das Päckchen nach Partenkirchen und Deinen hier erhaltenen lieben Brief. Es freut mich, daß Du die Erholung noch spürst. Mir geht es ja auch gut (z. B. der Magen trotz des miserabel sauren Weines hier bis gestern tadellos), aber nun sitzt Bremen schon wieder auf m. Nerven, zumal ich mit dem Vortrag innerlich nicht ganz fertig werden konnte, da ich ihn zu spät angefangen habe.
Über P. ist auch noch etwas nachzutragen. Nach dem Fernpaß habe ich nichts mehr unternommen. Es kam ein Regentag und
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| dann blieb es bewölkt bis zum Schluß. Frau W. und Felizitas waren sehr lieb zu mir. Die Aufmerksamkeit wäre vielleicht nicht so groß gewesen ohne jenen Brief, über den übrigens nie ein Wort gefallen ist. Wir hatten sehr anregende Abende, machten aber immer früh Schluß, so daß ich dann noch 1–2 Bogen Korrektur auf dem Balkon lesen konnte.
Die Reise verlief gut. Zu Haus alles in Ordnung. Der Garten ist lustig bunt. Die Sonne scheint unverwüstlich und warm, kein sehr gutes Mittel, um die Arbeiten zu fördern. Sonntag war ich mit Susanne am Tegeler See, gestern in Albrechts Teerofen, einem jetzt bequem gelegenen Wanderziel am Teltow-Kanal. Herr Strasen hat sich eine anfangs übel aussehende Sache an der Backe schneiden lassen; es scheint aber gut gegangen zu sein. Renate ist noch bei der Unkonzessionierten. Heut war ich bei Ministerialdirektor Jahnke und dann auf der Sparkasse wegen der 1000 M für Frl. W., die jetzt sehr umgänglich ist. Die
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| Sache scheint ihr nicht einmal sehr angenehm zu sein, weil sie alles dem Stift vererben muß. So kann's einem gehen.
Anfangs war natürlich nichts als Post zu erledigen. Dann geriet ich wegen des Vortrags an die schöne Literatur, die mich immer bis Mitternacht festhielt, ohne für das Thema Neues zu bieten. So bin ich mit den Arbeiten nicht sehr weit gekommen. Morgen geht es um ½ 8 aus dem Hause, mittags kommt Flitner nach Bremen, um ihm wichtige Dinge zu besprechen. Erst um 8 ist dann mein Vortrag. Sonntag Abend will ich wieder zu Hause sein. (Bremen, Nordischer Hof.)
Frage doch bitte Günther, den ich grüßen lasse, ob er bereit ist, bei einer Revue internationale de psychologie concrète, die Prof. Politzer in Cherbourg begründen will, mitzuarbeiten. Außerdem entschuldige mich wegen der noch fehlenden Äußerung über Jung Stilling. Ich habe ja bis auf 2 alle Bücher ungelesen zurückgebracht.
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Die Unterredung mit RohnstammAmsterdam war lang u. ganz interessant. Alle Leute aber haben mehr Zeit, Literatur zu lesen, als ich. Die Grundsteuersache ist auch erledigt, das Geld für die Reise an Frau Rohde abgegangen.
Unter den vielen Seltsamkeiten der Post ist heut abend ein Brief von Erwin Seidel ("in treuer Freundschaft", d. h. er will was) und ein großes Miserere von Stettbacher, dem Schönebaum auf den wissenschaftlichen Zeh getreten hat.
In Neubabelsberg war ich nicht; muß aber gleich Anfang nächster Woche hin. Das waren wohl so die aktuellsten Nachrichten, etwas bunt durcheinander. Aber ich habe schon das Reisefieber, natürlich mit Zubehör in der Magengegend. Wenn ich wiederkomme muß und will ich stramme Zehnstundentage machen. Das ist immer der Segen einer langen Reise.
Viel innige Grüße
Dein
Eduard.