Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. September 1928 (Berlin)


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24.9.28.
Mein innig Geliebtes!
Nicht einmal zu einer Ansichtskarte hat man mir in Bremen die Zeit gelassen. Deshalb hier ein kurzer Bericht. Sobald ich in der Bahn saß, begannen wieder die Darmstörungen, und sie dauern bis heut an. Physisch ging es mir den ganzen Tag miserabel. Gleich nach Ankunft 2 ½ Stunden Beratung mit Flitner. - Als ich mich dem Realgymnasium näherte, strömten mir bereits die Menschen entgegen, die keinen Platz mehr gefunden hatten. Kein Garderobenhaken frei. Mit Mühe, schon schweißtriefend, würgte ich mich in den Saal, der 500 Personen faßt und in dem 700 drin waren. 300 andere, bis zum Bürgermeister empor, demonstrierten anfangs an den Türen, zogen dann aber ab. Ich sprach 1 Stunde 5 Min. mit sichtlich starker Wirkung, die auch am folgenden Tage noch zu spüren war. Aber es war eine Bullenhitze. Der Landesschulrat v. Hamburg mußte auf der Erde sitzen.
Nachher kl. Abendgesellschaft bei dem lieben Landesschulrat Bohm, mit 2 Bürgermeistern etc. Nachts 1 ins Bett, aufgestanden 6 ¼ - Sonnabend 9 holte mich Hans Heyse zu seiner Mutter, Schwester u. Adelheid ab. Nettes Zusammensein. Dann Probelektion,
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| sehr schlecht; dann vergebl. Besuch bei Kellner. Um ½ 5 beim Direktor des G. zum Tee, um ½ 6 in den Smoking, beachtl. Aufführung des Ödipus um 6, von ½ 8 - ½ 9 gequetschtes Abendessen im Essighaus. ½ Kommers, den ich um 11 mit dem Rektor von Münster verließ. Sonntag um 9 Brief an Stettbacher in dringenden Sachen, 10 Uhr Spaziergang mit Kellner ½ 12 Festakt im alten schönen Rathaussaal, um ½ 2 Essen bei Kellner, um ¾ 3 Packen im Hotel, um ½ 4 Abreise.
Zu Hause fand ich als erstes die Nachricht, daß es Frau Riehl sehr schlecht gehe. Ich fahre heut Nachmittag hinaus.
Der Geburtstag von Frau W. ist am 28.IX. Ich danke für Deine lieben Zeilen u. Grüße innig. Frl. Silber soll diesen Brief noch mitnehmen. Daher Schluß.
Dein
Eduard.