Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Oktober 1928 (Freienwalde)


Freienwalde, Sonntag, 28.10.28.
Diese seltsame Nacht! Der Mond steht hoch am Himmel. Wald und Hügel von einem silbernen Nebel übergossen. Die große, ernste Kiefer bewegt sich im Wind. Ganz unten im Tal ein paar verlorene Lichter. Meine Kindheit steigt aus diesem Tal empor. Aber viel mehr. Es ist, als säße mein ganzes Leben in dieser nächtlichen Landschaft. Es will reden, aber es kann nicht. Und mein Herz zerspringt, weil es nicht reden kann. Nicht reden von dem Sinn, der aus all dem herausquellen möchte. Es ist das Metaphysische. Der Mensch von heute erträgt es nicht mehr. Aber deshalb lebt er auch nicht mehr. Da draußen ist Schauriges und Brüderliches - wie in uns. Ich kann micht nicht fortwenden, als hätte es mir immer noch etwas zu sagen. Aber ich fühle Dich, und nun hat es auf einmal alles seine Sprache.