Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. November 1928 (Dahlem)


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Dahlem, den 20.XI.28.
Mein innig Geliebtes!
Es ist schon sehr lange her, daß ich Dir geschrieben habe. Aber Du wirst Dir ja denken können, daß diese Semesteranfangszeit nicht gerade rosig war. Auch heut werde ich - in später Stunde - nur einen trockenen Sammelbericht geben können.
Die Universitätsarbeit ist also im Gange: 200 Menschen in den Kantübungen (mittlerer Qualität) und 500 in der Vorlesung. (Diesmal macht das Auditorium keinen ungünstigen Eindruck, obwohl sonst das „Altertum“ nicht beliebt ist. Der Dienstag ist anstrengend: 1 Stunde Vorlesung und 1 ½ Stdn Übung - immer stehend - ist keine Kleinigkeit. Ich bin aber jetzt gesundheitlich auf normaler Höhe, nachdem es mir anfangs sehr schwer wurde.
Die Bibliothekarskurse haben eigentlich noch nicht angefangen. Ich mußte am letzten Donnerstag ausfallen lassen, da im Reichsministerium des I. eine Sitzung war, die unter dem äquivalenten
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| Titel: "Schmutz und Schund" oder "Tag des Geistes" ging.
Daneben läuft nun als wichtige Aktion die "Deutsche Akademie". Lindemanns Rücktritt - auf tieferen persönlichen Gründen beruhend - steht fest. Ich benutze diese Gelegenheit, um die Ortsgruppe auf festere Füße zu stellen u. halte meine Rücktrittserklärung aufrecht, bis die neue Basis gesichert ist. Oncken hält sich dabei sehr passiv. Ich habe ihn jetzt ein bißchen näher kennen gelernt: er ist menschlich angenehmer, als es beim ersten Sehen scheint - aber gemessen an heute doch sehr naiv. Der tüchtigste Mitakteur meiner Bestrebungen ist Dr. v. Loesch. Am Freitag dieser Woche ist Generalversammlung.
Die nächste Angelegenheit, die mich beschäftigt, ist Lore. Man kann es nicht in wenigen Worten schildern. Sicher ist ein intermittierender pathologischer Zustand. In einem solchen hat sie gegen einen Wechsel in Naumburg ein Auto gekauft. Ich habe ihr die dazu erbetenen 600 M geschickt,
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| um Einfluß auf sie zu bekommen. Gestern war sie bei mir, ganz zerknirscht. Man kann ihr nicht böse sein. Sie klagt sich dann selbst wegen ihrer Impulsivität und ihres Lügens an; im Grunde ist sie ein armes Kind. Vielleicht muß ich eine Art von frei verabredeter Pflegschaft über sie übernehmen, damit sie ihr Erbteil nicht weiterhin vergeudet. Nur so kann ich auch verantworten, daß die Phil. Fakultät nicht erbt. Die letztere Angelegenheit geht kaum so glatt, wie erwartet.
Wegen Bernhard Runge hat mir Dibelius geschrieben. Da muß nun auch einmal auf Abschluß des Studiums hingearbeitet werden. Solche Leute sollten im Grunde nicht studieren. Morgen Nachmittag kommt Erika.
Zwei Gesellschaften habe ich mitgemacht: beim Ministerialdirektor Richter u. bei Lüders. Letztere hübsch und besonders anregend. Aber an solchen Tagen komme ich erst um 2 ins Bett.
In Dahlem wird kräftig eingebrochen. Herr Strasen hat mir einen nicht gerade angenehmen Vortrag darüber gehalten. Wir wollen den Eingang zur Zentralheizung mehr sichern. Im übrigen
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| bin ich nicht beunruhigt, da es bei mir nicht lohnt. Die Stille in den langen Nächten ist allerdings unheimlich.
Frau Rohde macht ihre Sache recht gut. Sie ist aber "schlecht auf den Füßen". Sonntag wollten Susanne u. ich sie nach Potsdam führen. Die Sache verlief wie bei der Wingeleit - nur eine Stufe höher. Gestern gab ich ein Diner für Carl Schmitt-Dorotič, das ohne Eingreifen sehr gut funktionierte.
Besuch hatte ich sonst von Dora Thümmel und von Feilchenfeld, auch von Excellenz v. Nostitz - Dresden, dem Präsidenten der Gesellschaft für soziale Reform, mit dem ich wegen der Verlängerung der Volksschulpflicht konferiere.
Über das heikle Thema: Sexualpädagogische Probleme habe ich vor 600 Philologen am Freitag mit starkem Erfolg gesprochen. Den Vortrag in Dresden über Faust am 8.XII. konnte ich abwälzen. Heute Nachmittag war ich bei Alice Salomon zum Tee. Prof. Salomon, Tante Wallys Schwager, ist an den Folgen einer Operation wie der meinigen vor wenigen Tagen gestorben.
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Von Hermine Kleiser lege ich 2 Briefe bei. Ich habe ihr 30 M geschickt. Das ist doch noch eine Welt von altem guten Schlag. Du siehst, daß ich mit Bezug auf Deinen vorjährigen Plan, den ich ihr jetzt mitgeteilt habe, Recht hatte.
Frl. Jacoby will mich also verklagen. Ich werde das aber in Ruhe abwarten. Denn die Anerkennung einer Zahlungspflicht in diesem Fall widerspricht zu sehr meinem Rechtsbewußtsein. Es ist mir recht, wenn die Sache das 4fache kostet. Laut BGB verjähren Ansprüche dieser Art 6 Monate nach dem Auszug.
Wegen Dr. Günther sage ich Dir vertraulich: Ich will seine Arbeit lesen und mich danach entscheiden, ob eine Habilitation in Berlin in Frage kommt. Denn ich brauche doch Hilfskräfte. Auf seinen heut erhaltenen Brief antwortete ihm nur nominell vorläufig: 1) er solle sich wegen des Wörterbuchs vor der Vollendung s. Arbeit nicht binden. 2) Für eine finanzielle Sicherung nach erfolgter Habilitation werde ich tun, was in meinen Kräften steht. Aber
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| er soll nun erst mal das Ms. fertig machen.
Am Sonntag habe ich mir - bei Sturm u. teilweise bei Regen - den ersten Spaziergang mit Susanne nach Geltow-Wildpark gegönnt. Heut und morgen wird sie ihre Schwester in Stettin besuchen.
Von der Jugendpsychologie ist die 11. Aufl. erschienen. Das "deutsche Bildungsideal" ist beinahe ausverkauft. Die "Verschulung" wirkt immer noch ungeheuer stark. Stadtschulrat Dr. Hartnacke plant eine Aktion gegen überstiegene Vorbildungsforderungen. Ich berate mit Kerschensteiner über den Modus. Ministerialdirektor Richter hat mit mir sehr offen über die beiden Schulabteilungen gesprochen. Man kann da etwas hoffen. Der Zeitpunkt ist da, wo der DLV total abgewirtschaftet hat.
Mit den Studenten, die noch immer im Kampf stehen, bin ich in Konnex: Sie hatten am letzten Sonntag eine sehr eindrucksvolle Langemarck-Gedächtnisfeier.
Daß Du Klages gehört hast, ist mir sehr
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| interessant. Ich wäre Dir für eine nähere Eindrucksschilderung sehr dankbar. Wenn heut einer den "Geist" ausschalten will, so ist das doch eine hoffnungslose Romantik.
Mit Werner Jaeger geht die Verständigung jetzt besser. Petersen rückt mir näher. Morgen Mittag werde ich bei Willy Böhm sein.
Von Frau Witting 2 Briefe. Die Scheidung von Hans geht nicht glatt. Felizitas ist immer wieder kränklich.
Nürnberg den 4.-6.I liegt nun also fest. Ich kann aber frühestens am 2. Freitag reisen. Denn Dora Th, die mir nach wie vor Sorge macht, kann ich den gewohnten 1. Feiertag nicht nehmen. Sie hat einen ganz neuen Fenstervorhang gemacht. So lange wir sie haben, müssen wir ihr die Ehrfurcht und Liebe geben, die sie mit ihrem tapferen Leben verdient. In den Weihnachts"ferien" muß ich "irgendetwas" für die Akademie am 10.I. zusammenbrauen. Zu meinen wiss. Arbeiten komme ich natürlich garnicht. Nicht einmal der Universitätsaufsatz ist fertig. Aber er wächst,
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| indem ich die anderen sehr ungleichartigen Beiträge lese. Bd. III wird doch im wesentlichen Resultat meiner Bemühungen sein.
Von dem Wettbewerb zum Universitätsneubau war auch hier zu lesen. Kuno Fischers "Diotima" habe ich auch. Aber ich habe keine Begierde danach. Du solltest doch die rheumatischen Beschwerden nicht durch Deinen Arbeitsplatz erhöhen. Ob nicht ein Arzt die eigentliche Ursache findet? Im stillen vermute ich, daß Vergiftungen vom Darm her das eigentliche Agens sind. Wie kann man dem aber beikommen?
Das ist nun ein langer pragmatischer Bericht. Das ungeheure Leben, das hier in Berlin um einen fluktuiert, hat etwas Mitreißendes und etwas Beängstigendes. "Inflation" ist auch dafür der richtige Ausdruck. Ich könnte jeden Tag 3 Sachen mitmachen. Diese Vielgeschäftigkeit ist der Ausdruck einer Gesellschaft, die absolut nicht mehr weiß, worauf es ankommt. Sollte ich einmal Minister werden, wäre mein Grundprogramm: "Simplifikation".
Ich bin Dir täglich nah u. grüße Dich innig
Dein Eduard.

[li. Rand] Wie ist es mit der Ansichtskarte für R.direktor Wolff?
[re. Rand S. 7] Die Donnerstage - 12-13 Stunden in der Stadt - sind übel. Aber ich fange am Freitag jetzt erst 11 ½ an.