Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Dezember 1928 (Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

7.XII.28.
Mein innig Geliebtes!
Die Tage fließen so unheimlich schnell, daß ich wohl ungebührlich lange nicht geschrieben habe. Ja ich weiß nicht einmal, wo ich "stehen geblieben bin". Aber es ist auch von besonderen Vorgängen kaum etwas zu berichten. Ich widme mich mehr und erfolgreicher der Lehrtätigkeit, als in den letzten Semestern. Das Haus ist in der Vorlesung "trotz Altertum" noch immer voll; die Kantübungen werden dankbar mitgemacht (200 Leute), die Bibliothekarskurse "laufen" auch. Das sind 9 Stunden in der Woche. Nimmst Du für jede 3 Stunden Vorbereitung, so kommen 36 Stunden heraus. Fakultät, Akademie, Sprechstunde, Prüfungen geben 10 Stunden, Korrespondenz ca 10 Stunden, Manuskripte lesen ca 6 Stunden - macht 62 Stunden pro Woche. = pro Tag 9 Stunden. Trotzdem bin ich immer noch für anderes tätig: Akademisches Deutschland, Pestalozzi, [über der zeile] Deutsche Akademie Gutachten etc. Es kommt also auf durchschnittlich 12 Stunden pro Tag - ohne den Transport
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| in die Stadt, der oft genug zweimal zu erfolgen hat. Du begreifst 1) daß ich zum gesammelten Briefschreiben nicht komme 2) daß von eigner Arbeit gar keine Rede sein kann. Auch Susanne sehe ich alle 8 Tage flüchtig. Spazierengehen ist ein fast unbekannter Begriff.
Im einzelnen wäre folgendes zu erwähnen: 1) am letzten Sonnabend war ich in Dessau, zur Konferenz über das Akademische Deutschland mit Scheel u. Bienengräber. Wir saßen 5 Stunden. Von der Stadt sah ich nichts. Montag war 4 Stunden Pestalozzikonferenz bei mir. Morgen will ich - verreisen - nach: Potsdam! um zu versuchen, ob ich den Text für den Beitrag zum Akademischen Deutschland dort in 8 Stunden etwas fördern kann.
2) Frl. Dr. Siemering hat mich zu einem Schweinegutachten beredet: für den Wohlfahrtsminister gegen zwei Schund- und Schmutzzeitschriften. Besser hätte sie mir das erspart. Denn wer diese Meute hinter sich bekommt, hat nichts zu lachen.
3) Das Haus ist teuer: Frau Rohde wirtschaftet nicht billig. Der Garten kostet immerzu: heute
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| Mist, morgen Blumen. Bei dem furchtbaren Regensturm, der tagelang anhielt, regnete es vom Boden durch in die Westzimmer. 3 Sachverständige waren schon da und - fanden das ganz in der Ordnung. - Von Riehls kamen: ¹ schönes Bismarckbild (Lenbach, sehr groß) 2 Dürer: Apostel, 1 Tisch, 1 Schaukelstuhl, ein Schreibtischsessel. - Wir haben versäumt, Rattengift zu streuen: das soll 20 M kosten (?)
4) Die Angelegenheit des Riehlschen Testamentes scheint nun endlich im Sinne der Ablehnung durch die Phil. Fakultät glatt zu gehen. Sollte ein ärztliches Gutachten erfordert werden, so - sagt Dr. Sinn - wäre die Aufdeckung der intimen Wahnvorstellungen für mich sehr unangenehm. Die Angelegenheit mit Lore ist friedlich beigelegt. Sie war bei mir - man kann dem armen hilflosen Ding nicht böse sein.
5) Frl. Jacoby hat sich seit dem 13.XI nicht gemeldet. Anscheinend ist also ihr Rechtsanspruch doch nicht durchzufechten? Freiwillig gebe ich jedenfalls nicht nach.
6) Die Angelegenheit der Deutschen Akademie ist noch in der Schwebe. Sie macht immer wieder Mühen.
7) Deine Idee, der Hermine Kleiser Nähmaterialien zu schenken, ist sehr gut. Ich bin für
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| wenig Ausstattung, viel Materie. Für Caecilie, die nun schon halbe Dame ist, wirst Du gewiß etwas finden. Ich denke für mich an ein Buch über Tennisspiel.
8) Bernhard ist immer noch halb im Verbummeln. Erika war Bußtag hier (mittags sehr angenehm bei Willy Böhm). Sie macht mir auch Sorge, weil sie Brustfellentzündung gehabt hat.
9) Weihnachten - ein schauerlicher Gedanke. Heute lud Frau Lenz zum 2. Feiertag ein. Sie ist an Krebs operiert worden. Absage ist völlig unmöglich. Wenn ich irgend Kraft habe, will ich aber versuchen, am 2. Feiertag nachts noch ab zureisen. Sonst bleibt ja garnichts übrig. Und ich muß in Heidelberg dem ganzen Akademievortrag machen.
10) Die Frau v. Korinth hat sehr merkwürdig und lang geschrieben. Ich kann bei der Sache garnicht froh werden. Andere weise ich nach Kräften ab.
11) Am Mittwoch spreche ich im Lyceumklub über "Die Frau als Hüterin der Volkssittlichkeit." Das sind wohl die Hauptpunkte. Verzeih das
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| nüchterne Aufzählen. Ich bin immer nur "im Dienst". Gesundheitlich bin ich in Ordnung. Der Darmzustand ist doch besser geworden, so daß die Aktion nicht überflüssig war. Aber die Donnerstage mit den 13 Stunden Arbeit, auf die eigentlich noch 2 am Abend folgen sollten, halte ich kaum noch aus.
Deine Arbeit wird in diesen dunklen Tagen sehr anstrengend sein. Überhaupt diese Finsternis! Unter Null haben wir aber bisher kaum gehabt. Über Callius und die Universitätsfragen mündlich. Ich habe jetzt nur noch eine sehr wichtige Frage: Was könnte Dir zu Weihnachten Freude machen? Bitte um baldige Antwort! Sonst schließe ich für heut mit der frohen Aussicht, daß wir uns in 20 Tagen wiedersehen. Es wird leider nur zu kurz und ein nur zu arbeitsreiches Wiedersehen sein!
In innigem und täglichem Gedenken
Dein
Eduard.

[] Nächste Woche 8 Stunden Prüfungen, so viel bis jetzt feststeht.