Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Dezember 1928 (Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>

22.12.28.
Mein innig Geliebtes!
Es wird kein Weihnachtsbrief, sondern eigentlich nur ein stilles Gedenken zum Heiligen Abend. Du wirst wohl wieder in Ludwigshafen sein. Ich werde versuchen, über den Tag wegzukommen: Kaffee mit Frau Rohde und Frl. Wingeleit, ev. 4 Strasens (Die Unkonzessionierte ist wieder da.) 1. Feiertag Thümmels, 2. Feiertag 5 bei Lenzens. Ich möchte doch gern dann schon abends 9.56 abfahren. Glückt es nicht, so kann ich des Feiertags wegen nicht telegraphieren. Ich komme dann erst am 27. abends, vermutlich über Würzburg. Du kannst Dir nicht denken, wie ich mich auf die wenigen stillen Tage mit Dir freue.
Die Jagd der letzten Tage (sog. "gnadenbringende Zeit") war unbeschreiblich. Am vorigen Sonntag hatte ich außerdem eine so starke Verdauungsstörung mit Druck an der Narbe, daß ich am Montag ausfallen lassen und Herrn Kurzrock kommen lassen mußte. Am Donnerstag war großer Tee in Cecilienhof; davon mündlich. Donnerstag wie Freitag dauerten
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| je 15 Stunden. Die vielstündigen Transporte sind dabei die Ruhezeiten. Heut Mittag habe ich bei den Reden zum 80. Geburtstag von Wilamowitz 2 Stunden gestanden, ging noch vor Schluß. Heut Abend kommt Annerose Fröhlich. Morgen ist auch noch allerlei. Die Weihnachtssachen für ca 40 Personen (ein Heidengeld) sind großenteils fort.
Geärgert habe ich mich, daß Frau Strasen ausgerechnet heut, als ich um 3 erschöpft zum Essen kam, mir mit der Botschaft auflauerte, die Kohlen würden nicht bis Neujahr reichen. Als ob das nicht vorher zu übersehen gewesen wäre.
Ich muß heut noch ca 20 Briefe schreiben. Deshalb appelliere ich an Deine Güte, alles Unausgesprochene auf diesem Blatt zu lesen: die Liebe, die uns verbindet Tag für Tag zum Jahr, also auch an dem Abend, der wenigstens für mich unsagbar traurig ist.
Herzliche Grüße auch an den Vorstand.
Innigst
Dein
Eduard.

Der Nachtzug kommt 8 Uhr 42 früh an.