Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Januar 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Januar 1928.
Mein liebstes Herz,
da schreibe ich zum erstenmal das Datum im neuen Jahre! Welche Enthaltsamkeit, nicht wahr? Nun, von jetzt ab wird es häufiger geschehen, aber der erste Brief mußte doch notwendig an Dich sein. Also gestern habe ich das Packet abgeschickt u. ich denke, es soll am Montag ankommen. Erschrick nicht über die "Beigabe", Du sollst nicht dafür berappen; aber benutzen sollst Du's, denn es ist doch nun mal ein unentbehrlicher Gebrauchsgegenstand u. bedeutet - hier gekauft - eine Ersparnis. - -
Hier ist gestern die Sonne überhaupt nicht aufgegangen. Sie hielt es wohl für zwecklos, da Du doch fort warst. Heute hat sie sich resigniert u. blinzelt hie u. da durchs Gewölk. Ich habe viel geschlafen u. nachgeholt, was ich bei Deinem Hiersein versäumte. Auch war mal wieder eine abscheuliche Föhnstimmung, nicht angetan, den Menschen aufzurütteln zu neuer Energie. Und die braucht man doch zur Umstellung nach solcher Zeit. Unaufhörlich bin ich noch bei allem, was diese Tage erfüllte, u. hoffe im Stillen, daß sie Dir - trotz Arbeit u. Sorgen - dennoch ein Gefühl weihnachtlichen Friedens gegeben haben. - Wenn es doch einen telesophischen Apparat gäbe, der mich, ohne Dir Mühe zu machen, von der Entwicklung all der schwebenden Fragen unterrichtete. In erster Linie die Hypothek. Konntest Du am staatswissenschaftlichen Abend den bewußten Herrn sprechen? Wegen der Regale kann man doch eigentlich nur an Ort u. Stelle beraten. - Jede Einzelheit ist mir da von Interesse, aber aus der Ferne kann man sich schwer ein Bild machen.
Sehr viel beschäftigt meine Gedanken Deine Abhandlung über die Schulfrage. Es hat mich das Ganze so erinnert an Deine Stellungnahme zum politischen Bildungsideal, die s. Z. so bekämpft wurde u. die doch durchaus im Recht blieb. - Auch jetzt werden nicht alle den Weg sehen, auf dem Du voran gehst, denn zunächst ist es verblüffend in einer Zeit, wo um
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| neue staatliche Haltung gerungen wird, gewissermaßen gegen den Staat sprechen zu hören. Aber wie die Religion nicht aus der Schule verdrängt ist durch Beseitigung der kirchlichen Alleinherrschaft, so wird auch dem Staat seine Sphäre gewahrt bleiben, nur dürfen seine Existenzkämpfe nicht zur Angelegenheit der Schule gemacht werden. Wie das Recht in der Rechtspflege sein Eigengebiet innerhalb der Staatshoheit hat, so ist das Reich der Erziehung nicht ein Produkt des Staates, sondern ein Gebiet in ihm, das seine eignen Organe entfalten will. Das Eigengesetz der Erziehung ist volles Menschentum nicht politischer Staatsbürger. Daß dieser eigentliche Sinn der Erziehung wieder bewußt werde, das ist in meinen Augen ein höheres Ziel als der nationale Ehrgeiz, der in Italien geweckt ist. - - Mögen die Weltanschauungen im Wettkampf ihre Kraft beweisen. Was hat denn der Religionsunterricht an unserer "christlichen" Schule bedeutet? Er war nichts als überlieferte Worte. Wertvollen Einfluß empfing ich nur bei Scholz. Aber auch eine weltanschauliche Einstellung kann viel religiöser sein als der kirchlich abgestempelte Unterricht. Daß die Gegenwart des Ewigen in dieser irdischen Welt nicht verloren gehe, das sollte das Ziel wahrer Erziehung sein. Aber doch heißt es: Wissen, Nutzen, Beruf, Partei - alles ist wichtiger!
- Was wirst Du mit Klösterli tun? Es muß da doch unbedingt etwas geschehen, entweder durch einen Arzt oder die Familie. Schließlich wären doch Hopfes am nächsten dazu verpflichtet. -
Hier war gestern viel Besuch u. Unruhe. Heute habe ich wieder schön aufgeräumt u. nun ist der Alltag eingezogen. Ich sehne mich nach einer Nachricht von Dir, Du mein Liebstes, u. grüße Dich viel tausendmal.
Deine Käthe.