Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Januar 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Januar. 1928.
Mein geliebtes Herz,
ich muß Dir doch sagen, wie sehr Du mich durch Deine unerwartet schnellen lieben Zeilen erfreutest! Wenn es auch nicht "recht" ist, so "außer der Zeit" einen freundschaftlichen Brief zu schreiben!, so ist es doch sehr gut u. lieb, u. dringend notwendig. - Da Du von der Explosion, die in unsern Zeitungen sehr stark geschildert wurde, nichts erwähnst, so nehme ich an, daß sie in Eurer Gegend doch nicht so heftig war. Als Gegenstück kann ich Dir berichten, daß heute in dem chemischen Laboratorium über meiner Arbeitsstätte eine starke Explosion stattfand. Ich war noch nicht da, aber der anwesende Diener hatte geglaubt, die Decke käme herunter. Bald nach 9 Uhr soll der Schlag erfolgt sein, als ich um ½ 11 durch die Hauptstraße kam, stand noch eine Menschenmenge da herum, es war Feuerwehr u. Sanitätskolonne dagewesen u. der arme Laborant, dem die Hände arg zugerichtet sind, wurde abtransportiert. Mindestens 5 Schutzleute kamen dann noch bei uns herein, in der Meinung, wir wären die Explodierten. Auch der Staatsanwalt war zur Stelle, die Sache wurde photographiert - kurz, es ist ein "Fall". - Ich muß sagen, es wäre mir recht arg gewesen, wenn die mühsamen Zeichnungen, die Arbeit so vieler Stunden, da alle verschüttet wären. Denn es ist an diesen Dingen auch etwas "Einmaliges". Man könnte sich sehr schwer entschließen, dasselbe zu wiederholen. - Ich habe sehr fleißig gearbeitet, täglich meine 4 Stunden, umso verdienstlicher als es sehr dunkles Wetter ist u. ich außerdem wieder Ansatz zum Hexenschuß hatte. Mit heißer Fango-Packung habe ich es im Zaume gehalten; aber gerade das Hocken auf dem unbequemen Drehsitz bekommt der Sache nicht gut. Auch Zahnschmerzen melden sich wieder. Es scheint ein entzündeter Nerv, denn dem Zahn ist nichts anzusehen. Um die deroute
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| seit deinem Weggehen voll zu machen, weigert sich der Ofen im Wohnzimmer durchaus zu brennen u. der Ofenputzer, den ich bestellte, läßt mich seit Dienstag warten. So sitze ich jetzt - wie in der Nachkriegszeit - im Schlafzimmer bei der kleinen, sprühenden Kanone. - Der Brief von Frl. Kiehm läßt an resoluter Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Es ist doch wohl nicht nur das vererbte Künstlerblut, was im Hause Witting die Schwierigkeiten schafft, sondern auch eine mangelnde Erziehung. Gewiß hatte die Frau bei der Kraft, die sie für den Betrieb aufbringen mußte, garnicht die Sammlung, die Kinder eingehend zu leiten.
Was ist eigentlich davon zu halten, daß Deine Freunde (z. B. Kersch. und Muth., Dich in der Conferenz glatt im stich ließen? Sehen sie Deine Gründe nicht ein? Sind sie parteimäßig voreingenommen? Ob der Compromiß über die Schulaufsicht nun der Anfang zur definitiven Einigung ist? - Das sächsische Ministerium scheint ja etwas ganz besonderes an Inkonsequenz zu leisten.
Über Dein Verhalten in Betreff Neubabelsberg solltest Du Dir keine Bedenken machen, wenn Du auch meinst, der Schein könnte gegen Dich sein. Du bist Dir Deiner reinen u. treuen Gesinnung bewußt, Du hast um ihretwillen nur [über der Zeile] zu lange ausgehalten. Wenn sie in Dir erstickt wurde, so muß ein Übermaß von Enttäuschungen daran schuld sein, denn du hast nicht freiwillig verzichtet auf Bande der Liebe, deren Verlust Dich arm machte. Ich weiß, wie Du Deinen Vater - - entbehrtest, weil sein Egoismus ihn nicht zu Dir kommen ließ, u. wie hast Du um das verklärte Bild von Neubabelsberg gerungen. - Das braucht Dich nicht zu bekümmern. Aber die Gegenwart schmerzt mich. Was soll da werden? Wann wird die Kranke dahin kommen, wo ihr Einfluß unschädlich gemacht ist u. darum nicht mehr Kritik u. Bitterkeit erweckt? Wie sollst Du es fertig bringen, dort zu verkehren, als läge nichts vor? „Hopfen u. Malz verloren“ - gilt das auch für Bernhard? Du weißt, daß mir dann als Pendant der Rudi erscheint!
Für heute ade! Ich grüße Dich von ganzem Herzen!
Deine Käthe.

[li. Rand] Könntest Du die Cigarrentasche nicht von Frl. Silber als Muster o. W. herschicken lassen?
[li. Rand S. 1] Die Biographie von Mussolini ist höchst fesselnd. Sollen wir sie anschaffen für den Gutschein beim Buchhändler? Es wäre ungefähr der gleiche Preis.