Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Januar 1928 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 22.I.28.
Sonntag.
Mein Liebstes,
es soll mein Feiertag sein, Dir zu schreiben. Wie gut von Dir, mir trotz aller Unruhe wieder Nachricht zu geben, die mich doch so weit "im Bilde" erhält.
Nach langer Dunkelheit ist es seit gestern klar u. frisch, so daß man auflebt u. ich wieder bei Tageslicht arbeiten kann. Die elektrische Lampe blendet mich beim Zeichnen u. strengt dadurch sehr an. Auch mein Ofen fühlt sich wohler u. brennt lichterloh! Also von "kein Ofen" ist garkeine Rede. Er ist nur empfindlich wie ein Barometer, oder wie unsre Nerven. Bei Föhn setzt er aus, u. der Schornsteinfeger hat festgestellt, daß die Erhöhung des Schornsteins, die besseren Abzug geben soll, durchgerostet ist u. darum nicht mehr wirkt. Es ist eben alles defekt an diesem Hause. - Und in dem Deinen sei "kein realer Fortschritt" - ? Arbeitet man nicht darin? Wie soll es dann rechtzeitig fertig werden? Hier, heißt es, wäre wieder flüssiges Geld für Hypotheken zu haben. Hoffentlich bekommst Du doch noch etwas besseres, als für 10%; das ist doch sehr viel für eine erste Hypothek. Ist Dein Berater denn auch wirklich in Deinem Interesse tätig?
Das Du in Schulrat Hartnacke einen Gesinnungsgenossen hast, freut mich sehr. Man braucht eben doch irgendwo verständnisvolle Mitarbeit, wenn man etwas erreichen will. Auch der Delekat ist sicher von persönlichem Wert für Dich. Ich dachte es mir, daß ihn Deine eingehende Besprechung sehr glücklich machen würde. (Wie lange ist es doch her, daß Du häufig für die D.L.Z. rezensiertest!) Ich habe Deine Besprechung sehr gründlich studiert u. hoffe sie verstanden zu haben. Der Sinn, den Du aus einem offenbar nicht klar entwickelten Zusammenhange herausholst, ist wohl der, daß das Buch den Weg zu neuer ethischer Gewißheit nicht jenseits der Wirklichkeit sucht, sondern durch die voll erkannte Wirklichkeit hindurch. - Eigen ist es, wie Deine Recension unmittelbar neben der von Einstein steht, gerade wie zwei Pole: Materie u. Geist, u. doch keins ohne das andere.
[2]
| - Hier wird auch beständig über das Reichsschulgesetz debattiert. Der Landtag mißbilligt den Ministers Leers wegen seiner Lauheit in der Simultanschulfrage. Auch über die Eröffnung der zwei konfessionellen Lehrerbildungsanstalten ist man entrüstet, besonders Dein Freund Hofheinz, der natürlich für akademische Bildung ist.
Also auch die Kinderärzte stürzen sich auf das Erziehungsproblem! Es ist für sie ja eigentlich nicht so fernliegend. Im allgemeinen aber kommt es mir so vor, als ob das Gründungsfieber, das nach jedem Kriege einsetzt, sich bei uns in Ermangelung andrer Möglichkeiten ausschließlich auf das Schulgebiet konzentriert hätte. Möchtest Du diese Kräfte zu einem echten Aufschwung zusammenfassen können! - Der Moro ist nun die erste Stimme aus Heidelberg die Dich beruflich bittet - u. dabei soll es [über der Zeile] in Hamburg sein! Ich wäre entschieden mehr dafür, daß Du es auf Stern abschiebst. Wenn auch in der Totalität der Vergleich nicht zu seinen Gunsten ausfallen dürfte, so glaube ich doch, daß gerade dies Gebiet nicht zu Deinem besonderen Interesse gehört u. Dir darum verhältnismäßig viel Mühe machen würde, während Du doch Deine Arbeitskraft konzentrieren möchtest.
Einen richtigen Kinderbrief hat Dir da die reumütige Felizitas geschrieben. Wie hilflos u. wie ehrlich! Hoffentlich ist ihr Herz nun erleichtert u. sie findet ihre frische Heiterkeit wieder, die wir doch beide bei unserm kurzen Besuch vermißten. Auch für Dich freut es mich, daß nun die Wolke gebannt ist. Jedenfalls teile ich die unfreundliche Kritik von Johanna Kiehm nicht. Sie war wohl gerade durch Anderl recht verstimmt, u. ihr ganzer Brief machte einen verärgerten Eindruck. - Als Gegengabe schicke ich Dir auch ein paar Kinderbriefe mit. Familie Hadlich (resp. Ruge) entwickelt sich immer langsam, aber hoffentlich auch lange! -
Also die andere "Hermine" hast Du inzwischen wiedergesehen! Sind dies nun eigentlich lediglich persönliche Beziehungen oder steckt politisches Interesse dahinter? Habt Ihr auch von Wilh. II. gesprochen?
[3]
| Ich kann mir garnicht denken, wie er auf die Dauer nicht alle Hoffnung auf Rückkehr verlieren sollte. - Er war kein Mussolini. Du hast nicht geantwortet, ob ich das Buch kaufen soll? Mir scheint, es läßt recht gut die Entwicklung des Mannes an vielen persönlichen Äußerungen miterleben, sehr vielseitig, reich, nicht scharf umrissen, sondern in lebendiger Beweglichkeit. Auch seine eigne Vorrede ist charakteristisch, wie sie die Mitte zwischen Reden und Schweigen betont! - Wenn Du das Buch nicht wünschst, so denke doch, bitte, daran, mir irgendetwas Andres zu bezeichnen, was ich bestellen könnte, damit der Gutschein verwertet wird.
Ein sehr wertvolles Buch, das aber leider viel zu teuer ist, ist die Biographie von Max Weber, die wir gerade vorlesen. Das möchte man wohl besitzen! Einen bleibenden Eindruck hat mir auch der Briefwechsel Häckels mit dieser feinen Frau aus altem Adelshause gemacht. Ihrem Geist genügt das heimische Niveau nicht, so sehr auch die echte Religiosität der Familie sie im Bann hält. Sie wird von der Begeisterung für die neue Weltanschauung erfaßt, von dem Schein ihrer "Wahrheit" geblendet, bei persönlicher Bekanntschaft von dem Zauber des geistvollen Mannes gefangen genommen - in unlösbare Kämpfe verwickelt, die ihre gerade, klare, starke Persönlichkeit zerbrechen. [über der Zeile] aufreiben. Ein wahrhaft tragisches Schicksal! Auch er ist zu beklagen, der nach ganz kurzer Ehe seine sehr geliebte erste Frau durch den Tod verloren hatte u. nun - sehr unglücklich wieder verheiratet - schon recht alt eine verständnisvolle Seele u. völlige Harmonie zu finden glaubt, der bei allem äußeren Erfolg sich unverstanden u. einsam fühlt u. von seinem besten Freunde nach 47 Jahren schnöde im Stich gelassen wird (von Gegenbauer wegen der "Welträtsel") - er muß diese Freundin, die ihm so viel geben konnte aus der Überlegenheit ihres echten Feingefühls einer alten Kultur, nun auch wieder hergeben. Wie doppelt muß er gelitten haben, da er doch fühlen mußte, wie der Sturm seines Wesens zerstörend in dies Leben fuhr. Und auf all dies traf ihn noch das Geschick, daß [über der zeile] der Schüler, den er als
[4]
| seinen Nachfolger empfahl, ihm die Arbeitsmöglichkeit im Institut verweigerte, seine Sammlungen, seine Bibliothek, die er gestiftet hatte, verschloß! Was muß dieser sprühende, leidenschaftliche Mensch erduldet haben! Mag sein Streben verfehlt gewesen sein - wenigstens seine Überschätzung der Consequenzen, - er meinte es doch ehrlich! - -
- Verzeih, daß die Karte, die wegen Unauffindbarkeit zurückkam, aus Versehen liegenblieb. Sie ist vermutlich nicht wichtig. - Die Karte von Flitner, die ich nachschickte, hast Du doch bekommen?
Heute will ich nun mal den Stoß unbeantworteter Briefe etwas vermindern. Sie werden von selbst nicht weniger! Gestern war ich mit Aenne über das Schloß u. Hausackerweg (von 5-7 Uhr) bei stimmungsvoller Beleuchtung u. herrlicher Luft gegangen. Es war eine Erfrischung nach langem Stubenhocken. - Was sagst Du zu der Karte von Geheb? "Den Sack schlägt man u. den Esel meint man!" Eigentlich habe ich keine Lust, mit der Schule in Beziehung zu treten. Was meinst Du? - -
Und was ist dieser Hildebrandt, Psychiater u.??
Aber nun ist Dir das Geschreib wohl schon "reichlich über" u. ich will Dich davon befreien. - Ich freue mich auf den Druck der Akademieabhandlung, auf die "Verschulung" u. s. w.! - - Hat sich ein Rat für Deinstedt gefunden? - Ach, u. was soll mit Klösterli werden? Das ist so verworren. Meine radikale Natur verlangt nach irgend einer Entscheidung, - einer Befreiung für Dich.
Ich grüße Dich, mein liebstes Herz, mit vielen guten Wünschen!
Deine Käthe.

[] War Dr. Günther bei Dir? Ich sah ihn hier noch nicht.
- Laß doch die Cigarrentasche herschicken! -
Hast Du irgendwelche Auskünfte wegen des Mitbewohners für das neue Haus?