Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. Januar 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Januar 1928.
Mein geliebtes Herz,
ich will Dir nur gleich berichten, was ich in Deinem Interesse bei Moro verhandelte. Erst um Mittag hatte ich Deinen großen Brief vorgefunden, war dann gleich noch zum Zeichnen gegangen u. beschloß nach dem Kaffee zu versuchen, ob ich in der Luisenheilanstalt erfahren könne, wann der Chef zu sprechen sei. Zufällig lief er mir auf dem Corridor direct in die Hände u. als er hörte: "Spranger", lud er mich gleich in sein Zimmer ein u. erklärte, das interessiere ihn sehr. Als ich nun Deinen Wunsch vorbrachte, von dem Vortrag befreit zu werden, war er schwer enttäuscht. Er habe Deinen Brief als Zusage aufgefaßt u. wenn Du versagtest, dann fiele damit das ganze Programm. Denn einen "Ersatz" wollten sie nicht. Sie hätten urprünglich - falls Du nicht geneigt wärst - an Aloys Fischer gedacht, auch allenfalls an den hießigen Hoffmann - aber das sei alles nicht befriedigend u. sehr unbestimmt gewesen. William Stern lehnte er wiederholt energisch ab, sie wollten keinen Psychologen sondern einen Pädagogen.* [li. Rand] * u. keinesfalls Psychoanalyse. - Ich habe so gut ich konnte Deine Gründe für die Ablehnung vorgebracht, habe Deine große Überlastung u. die kurze Ruhezeit erwähnt, die Du Dir gönnst; Deine sensiblen Nerven, für die solch Vortrag nicht nur die Anstrengung eines Abends sondern ein wochenlang empfundener Druck sei; ich habe ihn graulich machen wollen u. erklärt, es sei ihm doch nicht gedient, wenn Du jetzt zusagtest u. dann doch noch abschreiben müßtest. -: Du brauchtest ja nur eine halbe "Stunde" zu sprechen, aber er sei überzeugt, daß gerade die [über der Zeile] wissenschaftliche Art, wie Du die Sache anfassen wolltest, das sei, was die Ärzte interessieren müsse. Es sei eine große Veranstaltung u. es müsse Dir doch wichtig sein, einen Kreis von etwa 500 Menschen, die beruflich in Beziehung dazu stünden für deine Auffassung zu interessieren u. zu gewinnen. - Wir haben lange hin u. her gesprochen u. seine Art war durchaus ruhig eingehend u. verständnisvoll; er las mir die ganze Correspondenz noch einmal vor
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| u. erklärte seinen Standpunkt u. seine Gründe sehr eingehend. Es ist ja natürlich von ihm sehr begreiflich, daß er nicht verzichten möchte, wenn er auch sagte, daß Du ja selbstverständlich frei entscheiden könnest. Sie möchten aber ihren Congreß sehr ausgestalten u. es sollen nur "erstklassige Referenten“ gebeten werden. Wenn Dir die Combination mit Stern unerfreulich sei, so werde das selbstverständlich abgeändert. Dein Hinweis hätte ihm ja klar gemacht, daß man ihn in Hamburg nicht übergehen könne, aber er werde dann um eine Einladungs?- oder Einleitungs-? rede gebeten werden. Andrerseits wäre es aber doch auch immer von Interesse, Referate von verschiedenem Standpunkt aus zu hören. Über die Gründe gegen Stern wollte er "nicht weiter reden", ich glaube, es spricht auch der Jude mit. Denn die Kinderärzte scheinen wohl (ähnlich wie die Psychiater neulich) sehr stark semitisch zusammen gesetzt zu sein. [über der Zeile] u. daher die Christen zu schätzen. Schlossmann, Düsseldorf, ist derjenige, der so energisch für Deine Wahl eintrat. Moro selbst ist in Aussehen u. Sprache typisch jüdisch, wenn auch in nicht unsympathischer Weise. Wenn er gelegentlich so kurz einschob: also gäh! - dann mußte ich immer an Deine feine Anekdote denken: "nu scheen!"
Und was nun? Ich hätte Dir so gewünscht, daß Du nicht diese Belastung auf Dich genommen hättest. (Man will Dir Schlafwagen von Luzern nach Hamburg hin u. her bezahlen!!) Aber eine große Anstrengung wäre es eben doch u. vor allem ist der Zeitpunkt so ungünstig. - Daß Du selbstverständlich als Redner durch keinen zu ersetzen bist, ist ja klar. Es freute mich, diese Erkenntnis so deutlich bei Moro durchzufühlen, wenn er auch wohl vorher kaum viel von Dir gewußt hat. Ich sagte auch unter anderm, daß diejenigen, die von Dir lernen wollten, das doch auch aus Deinen Schriften tun könnten. Da betonte er, daß sie aber gerade über das Kindesalter zu hören wünschten u. Du habest doch vor allem über den Jugendlichen geschrieben! - Ist es nun so, mein Herz, daß Dich der Vorschlag der Teilung mit Stern verstimmte? Moro selbst sah ein, daß es wohl eine ungeeignete Idee sei, die, wie mir scheint, mehr
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| Verständnislosigkeit zeigt, als tatsächlich vorhanden ist. Denn natürlich kann man so nicht trennen, das hatte er inzwischen selbst bedacht. Wie kam es eigentlich, daß Du so unvorsichtig Verheißungen lautbar werden ließest? Oder warst du damals geneigt u. hast Dich nun anders besonnen?* [li. Rand] * Jedenfalls läßt Dich der Vorschlag von Kerschensteiner jetzt doppelt wünschen, davon freizukommen, denn die Lehrer wären Dir doch gewiß wichtiger als gerade die Mediciner! - Mir ist es nur darum zu tun, daß Du nicht noch immer mehr auf Dich nimmst u. gar auch noch Deine letzte Ferienzeit dran gibst. Deswegen sah ich diese Aussicht ungern, denn ich weiß, wie viel Kraft Du in solch eine Aufgabe hinein legst. Dann ist natürlich damit auch etwas sonst Unerreichbares geleistet, aber mir schien speziell für Kinderärzte ein W. St. ausreichend!!
Als ich nach der langen Debatte fragte, was ich Dir denn nun eigentlich schreiben könnte, (da ich ja leider keine Freigabe durchgesetzt hatte) meinte er, ich solle Dir seinen Standpunkt auseinandersetzen. Eine Befürwortung könne er ja nach meiner Parteinahme für Dich nicht erwarten. Und so versprach ich, "objektiv" zu berichten. Subjektiv füge ich hinzu, daß Du unbeschadet der halben Zusage, ganz ruhig bei der Ablehnung bleiben kannst. - Wenn ich meine persönliche Besorgnis wegen Deiner labilen Gesundheit ins Feld führte, dann meinte er, im Sommer sehe sich das doch alles anders an; jetzt sei jeder nervös. Also begründe von Dir aus definitiv - u. wenn du doch annehmen solltest, sei nicht ängstlich in der Forderung. Man will das garnicht u. Du bist leicht übertrieben nobel. - - -
Es will mir scheinen, als ob die Nachwirkung der Enttäuschung, die Dir leider von den Novembervorträgen blieb, auch hier mitklang. Dies soll nicht etwa ein Versuch sein, Deine Abwehr gegen Vortragsreisen abzuschwächen. Doch [über der Zeile] ich weiß, daß Du solche lebendige Berührung mit Menschen brauchst, u. daß sie belebend zurück wirkt, wenn Du Dich verstanden fühlst. Darum wird es auch nur ratsam sein, nach Hamburg zu gehen, wenn Du es in freier Stimmung tun kannst. Moro schien ein
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| Verständnis für diese Art des Gebärens zu haben, u. in ihm, glaube ich, würdest Du gewiß einen bereitwilligen Hörer haben. Ob auch tief - das kann ich nach dem flüchtigen Sehen nicht beurteilen u. es ist natürlich, daß man auch allerlei äußerliche Beweggründe durchblitzen sieht, die für mich mit dem Wunsch nach "erstklassigen" Kräften charakteristisch sind. - Aber, mein Herz, wenn in der Welt so viel Äußerlichkeit, Flachheit u. Verworrenheit ist, so ist es doch umso nötiger, fest dagegen anzugehen. Der Satz: "hoffentlich bin ich nicht in Ungnade gefallen" scheint mir auch auf Deine Stellung zu den Studenten zu passen. Du hast Angst, nicht vor dem einzelnen Menschen, aber vor der "neuen Mentalität". Ich war so glücklich zu Weihnachten, als Du von dem Sinn des Führertums sprachest, davon, daß es einsam voran gehen muß. Ich glaubte Dich darin zu hören, Deine Gewißheit, Deinen Willen, Deine Entsagung. Denn wenn Du Dich von den Studenten nicht verstanden fühlst, so ist es doch nicht, weil Deine Ideale reaktionär wären, sondern weil sie an bleibenden Maßstäben orientiert sind. Du kannst Deinen Blick unmöglich begrenzen auf die Tagesziele, denen die Menge nachjagt, Du siehst sie immer im großen Zusammenhang. Auch eine Relativitätslehre! - Sieh nicht immer nur das Negative! Verdenke es den sozial Arbeitenden nicht, wenn sie in ihrer Freude am Einzelerfolg u. im Bewußtsein des eingesetzten Willens an Besserung glauben. Sie würden vielleicht sonst erlahmen. Du hast den klaren Wirklichkeitssinn u. die scharfe Kritik. Aber sie dürfen Dich nicht zur Hoffnungslosigkeit treiben, denn Du hast die Kraft, dem Verfall entgegenzuwirken u. Du hast den klaren Blick, damit Du erkennst, wie sehr es nottut.
Ich muß für heut ein Ende machen. Fortbringen kann ich den Brief ohnehin nicht mehr, dazu ist es zu spät geworden. Aber Moro möchte natürlich gern bald definitive Auskunft.
Viele herzliche Grüße von
Deiner Käthe.

27.I. Beim Überlesen scheint es mir, als ob ich nicht energisch genug betont hätte, daß Moro nach meinem Vorstoß durchaus auf eine Absage gefaßt ist. Und beide Sachen kannst Du doch keinesfalls annehmen! <li. Rand> Hast Du Kerschensteiner zugesagt? - Den Brief von Mathies möchte ich noch behalten.