Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Januar 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.I.28.
Mein liebstes Herz,
wie sehr wünschte ich, daß Du Dir neulich mit dem Brief an mich einen Teil des unerfreulichen Druckes von der Seele geschrieben hättest! Du hast damit doch die Bedenken u. Zweifel in mein Herz geschüttet u. - so hoffe ich - die Last geteilt. Aber ob das wirklich helfen kann - vielmehr: ob ich helfen kann? Da zweifle ich sehr. Nicht einmal bei Moro habe ich eine Entlastung für Dich durchgedrückt, so hartnäckig ich kämpfte. Aber ich hoffe, Du bist bei Deiner Ablehnung geblieben u. hast gesagt, daß es sich eben mit Deinen übrigen Aufgaben u. Plänen einfach nicht vereinigen läßt.
Sind nun die Studenten von heut so viel schwächlicher u. unreifer als früher, oder erscheinen sie nur so, weil der Abstand zwischen Dir u. Ihnen sich erweitert? Man wird eine neue Hochschule über d. h. neben der Universität begründen müssen, um einmal wieder die geistige Elite aus dem Massenandrang herauszulösen. Ich verstehe so sehr, wie man in jeder Beziehung die heutigen Zustände verfahren u. ziellos findet. Es ist, als ob sich alles ins Hypertrophe entwickeln wolle. Organisation wird überall zum Zweck statt zum Mittel. Ich sehe das im kleinen Kreise, wie Du es so überzeugend in der "Verschulung" darstellst. Ich möchte wünschen, daß es gelänge, das Erziehungswesen zu dem selbständigen Organismus auszubauen, den Du in der Akademie-Abhandlung skizzierst, weil ich dies Gebiet des Lebens aus dem politischen Kampf heraus gerückt wissen möchte. Aber der Kampf um die Simultanschule ist wohl schon nicht mehr ein rein politisches, sondern auf Überzeugung u. Tradition gegründet u. es würden dann innerhalb des Schulwesens genau dieselben Gegensätze aufeinander prallen, wie jetzt im Reich der Politik. Denn es lassen sich nicht ganz
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| allgemein gültige Paragraphen darin aufstellen, wie beim Recht. Vielmehr scheint es mir gerade dem Wesen der Erziehung entgegen, daß man sie von reichswegen unter ein einheitliches Gesetz bringen will. Man will zusammen schließen u. wirkt nur neue Spaltung u. Zersplitterung. - Wie heißt das oberste Gesetz der Erziehung, das für alle gilt? Ich meine: Bildung - aber sie ist doch nicht identisch mit Confession u. sie ist auf einmal durch das Reichsschulgesetz in den Mittelpunkt gerückt worden.
- Du schreibst von der geistigen Zusammensetzung der heutigen Studierenden. Aber das sind doch alles nur Ansätze u. Versuche in ihnen, denen Du ein wirksames Gegengewicht setzen kannst. Was blüht jetzt alles in diesem Matthies auf, der Dir doch anfangs so wesensfremd schien. Und so wirkst Du in vielen, wo Du es nicht weißt. Darum darfst Du nicht von vornherein an Deinem Einfluß zweifeln. "Selig sind, die nicht sehen u. doch glauben." -- Ich grüble immerfort darüber, was Du Dir denn Entsprechenderes denken könntest, wenn Du das Lehren aufgeben wolltest? Kannst du Dir das überhaupt vorstellen? Ist denn nicht das, was Du anstrebst, der geistige Wiederaufbau, unsre einzige Rettung? Du darfst nicht müde werden, mein Liebstes. Ich glaube doch so fest an Dich!
Doch es ist schon sehr spät u. ich muß morgen pünktlich zur Arbeit. Heut war ich den ganzen Nachmittag beim Vorstand, der mit Katarrh auf der Chaiselongue lag, Vormittags nähte ich ein kleines Kissen für den 2.II.; gestern nachm. war ich mit Günther spazieren, Freitag hatte ich den Damenkaffee, der damals nicht zustande kam. So sind auch meine Tage ausgefüllt - wenn auch locker u. nicht übervoll, wie bei Dir. Daß es in Klösterli diesmal gut ging, hörte ich gerne. Man sieht, wie günstig es wirkt, wenn Du Dich innerlich u. äußerlich frei hältst. - Sei mir innig gegrüßt, mein Herz.
Deine Käthe.