Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Februar 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Februar 1928.
Mein liebstes Herz!
Immer wieder kommt ein neuer Grund, sich um Dich zu sorgen! Ist denn der Schnupfen nun wirklich ganz fort? Auch der Vorstand hat hier etwas derartiges durchgemacht u. behielt noch immer einen leichten Husten zurück. Täglich hatten wir Besuch, sodaß ich nicht zum Schreiben an Dich kam, so sehr ich danach Verlangen hatte. Denn was Du mir von Deinem Überdruß an den Vorlesungen schriebst, geht mir garnicht aus dem Sinn. Es ist ja eigentlich nichts Neues, sondern lag schon deutlich in Deiner Freude, diesen Winter davon befreit zu sein. Aber daß es sich in diesen Tagen zu solch drückender Stimmung verdichtete, [über der Zeile] daran war doch wohl zum teil Dein körperliches Mißbefinden schuld. Wenn doch einmal wieder einige wirklich erfreuliche Gestalten unter den Studenten auftauchen möchten, zu denen Du innerlich Fühlung gewinnen könntest! Das sind ja meist nicht die, welche sich an Dich heran machen, sondern die Spröden, die erst gewonnen werden müssen.
Recht erschreckt bin ich über die erstaunliche neue Aufgabe, die Dir zugefallen ist. Ob Du wohl gestern eine Unterredung mit dem jugendlichen Angeklagten hattest? Inwiefern Du wohl als Sachverständiger zu raten hast? Vermutlich braucht man keinen Psychiater sondern einen Psychologen, der die geistige Verfassung beurteilt. - In was für einer schrecklichen Zeit leben wir! Daß solche Zustände, wie dieser Prozeß sie verhandelt, schon längst nicht mehr zu den Ausnahmen gehören! Wie kommt das nur, die Menschen waren doch früher auch nicht anders organisiert? Wo ist die moralische Zucht denn geblieben? - Von hier aus verstehe ich Deine Schätzung des Katholizismus. Der Mensch im Durchschnitt ist eben nicht fähig, die Freiheit des Individualismus zu ertragen.
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Noch konnte ich mich nicht entschließen, den Mussolini zu kaufen, weil Du - wie es scheint - Lust zu dem Tirpitz-schen Buch hast. Aber zu dem kann ich mich wieder nicht entscheiden, weil ich so viel Ungünstiges davon gehört habe. Es soll militärisch anfechtbar u. von maßloser Selbstüberschätzung sein. Und das berührt doppelt peinlich, wenn es einen so sichtbaren Mißerfolg begleitet. - Ich bin ja deswegen noch kein Erfolganbeter, u. sehe auch die Schattenseiten bei Mussolini. Aber es imponiert eben doch, wenn einer die Realitäten so meistert wie er. - Möchtest Du nun gern auf jeden Fall das andere Buch? Dann schicke ich es halt "Dir zu Liebe"!
Daß die Moro-Affäre nun beendet ist, freut mich. Ich hoffe sehr, daß Stern es macht u. Du nicht etwa noch zuletzt einspringen müßtest. Wie ists mit den Lehrern in München? Hast Du zugesagt? Mit dem Schulgesetz kann ich in mir zu keinem gedeihlichen Ende kommen. Ich habe die Überzeugung [über der Zeile] den Glauben, daß Deine Einsicht die richtige ist. Vielleicht ist es ein förderndes Moment, daß durch den Kampf der Weltanschauungen das Interesse an der Schule wieder wach wurde u. sie etwas Kostbares erscheint. Aber in mir ist die Neigung für das Bestehenlassens der jeweiligen Entwicklung nun einmal größer. Ich war in einer konfessionellen Schule u. habe davon gar keinen religiösen Einfluß gehabt. In Baden ist die Simultanschule u. hat die religiöse Entwicklung, z. B. auf der Reichenau durchaus nicht gehindert. - Nicht die Religiosität, sondern die konfessionelle Enge werden durch den Zwang zur Bekenntnisschule gefördert.
- Möchte Frau Riehl einen klaren u. energischen Arzt gefunden haben. Wer ist denn jetzt bei ihr im Hause? - Wegen der Türenkollision im Hause ist vielleicht nicht so große Besorgnis nötig. Sie werden doch selten zugleich geöffnet sein u. die 2 Haupttüren stören sich nicht. Immerhin scheint bei dem Bau ausnehmend gespart zu sein - nur nicht am Kaufpreis! - Ich bin recht ungeduldig, das Objekt kennenzulernen. Hoffentlich klappt alles mit meiner Arbeit hier. Weidenreich ist noch sehr begehrlich nach Zeichnungen! Springer wird weniger erbaut sein.
Doch nun mal Schluß für heute. Es ist Sonntag, klare Sonne u. im Zimmer behaglich warm. Säßest Du doch statt meiner an Deinem Fenster<li. Rand>platz hier! - Heute nachmittag bin ich mit Günther u. Braut zusammen. Eigentlich hatte ich sie mit Jakobsen gestern abend haben wollen, aber der konnte nicht. - Innige Grüße von
Deiner Käthe.

[li. Rand S. 1] Dank auch für die Wach-Recension, die ich noch öfter lesen muß, um möglichst viel davon zu verstehen was das "Verstehen" ist - soweit ich es verstehen kann!