Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Februar 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Februar 1928.
Mein Liebstes,
heute ist nun der zweite Verhandlungstag in der Steglitzer Mordsache. Wie schwer es sein muß, einem so tief tragischen Geschick so nahe gegenüber gestellt zu sein, kann ich mir denken. Anfangs wußte hier niemand über die Tatsachen Bescheid, denn obgleich man die Notiz s. Z. wohl gelesen hatte, so waren doch seitdem noch oft ähnliche Fälle gemeldet, jeder Tag bringt eine ganze Chronik von Unfällen u. Verbrechen, sodaß eins das andere verdrängt. Seit gestern sind nun die Zeitungen voll von Berichten u. man spürt die ganze Tragweite des Ereignisses. Auf dem Bilde in der Berl. Illustr. erscheint das Mädchen sehr schön, u. man begreift, wie leicht sie die jungen Leute betörte. Ich möchte sagen, sie hat die Augen einer Circe. - Bei der Erziehung des Paul Krantz scheinen die Eltern wohl ziemlich ratlos gewesen zu sein. Es ist schrecklich zu denken, daß der offenbar begabte Mensch nun im ersten Ansturm für immer gescheitert sein sollte. Man möchte ihn heraus nehmen können u. sagen: "fange noch einmal an! Du siehst daß es so nicht geht." - Die ganze Sache scheint mir eine Illustration zu Lindsey. Wo aber ist das echte Gefühl der
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| Jugend, die den "neuen Weg" findet?
Auch Goldbeck ist als Sachverständiger geladen. Ob Ihr wohl in der Beurteilung einig sein werdet? Jedenfalls ist er wohl in dieser Nachtseite des Lebens "sachverständiger" als Du. Gott sei Dank!
Was nun meine "Sachverständigkeit" betrifft, so war mir der Unterschied von paritätisch u. simultan nicht klar u. hier kann mich niemand belehren. Sagen wollte ich nur mit meinen Einwendungen, daß sich unter dem Recht der Simultanschule je nach Bevölkerung die konfessionelle Färbung ganz von selbst gestaltet, u. daß in den gemischten Gebieten durch das Recht der konfessionellen Forderung nur Unruhe u. Streit geweckt wird.
Über Tirpitz' Buch habe ich nicht geurteilt, sondern geschrieben, daß ich mich wegen verschiedener abfälliger Kritiken, die ich hörte, nicht dazu entschließen könne. - Also, bitte, schimpfe nicht zu sehr! -
Das Wetter u. die Gerichtssache sind nicht dazu angetan, Deinen Nerven aufzuhelfen. Wer weiß, ob die Sitzungen heute schon ihr Ende finden? Ich wollte, Du machtest Dich für den Sonntag von der Arbeit frei u. suchtest einmal andre Eindrücke. -
Die Pestalozzirede hat mich tief berührt. Ob Deine erbarmende Liebe für den armen Paul Krantz wohl einen Ausweg für ihn finden hilft?
Ich grüße Dich innig u. bin mit dem Herzen bei Dir.
Deine Käthe.

[li. Rand] Der Vorstand hat sich über Deinen Glückwunsch sehr gefreut!