Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Februar 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg, 17. Februar 1928.
Mein liebstes Herz.
Du wirst Dir denken, mit welcher Teilnahme ich den aufregenden Prozeß verfolge, soweit das bei den kurzen Zeitungsberichten möglich ist. Es ist mir schmerzlich, daß Du so intensiv mit diesen Dingen in Berührung kommen mußtest. Und doch ist solch ein Einblick wohl auch gerade für Dich von Wert. Man sieht da sicherlich noch tiefer in die Menschen hinein als im glatten Alltag. - Wie ist nur diese dauernde Differenz zwischen dem Vorsitzenden - dem Verteidiger zustande gekommen? Nach unsern Berichten schien es, als ob der erstere wirklich nur Gelegenheit zum Eingreifen suche. Jedenfalls aber ist es nun für alle Beteiligten ungemein erschwerend, daß die Entscheidung so verschleppt wird.
Von mir habe ich rein garnichts zu erzählen. Ich hörte von Prof. Sillib einen guten, aber zu langen Vortrag über die Manesse-Handschrift mit feinen Lichtbildern. - Schrade fällt 2x aus wegen "Leibesübungen" u. Fastnacht! Leider! Er ist dauernd anregend u. fesselnd, sein Vortrag gewinnt an freier Gestaltung. - Im übrigen arbeite ich im Tagelohn u. bin viel müde.
Draußen ist das merkwürdigste Wetter, Schneegestöber mit gleichzeitigen Sonnenschein. Neulich Nacht ein schweres Gewitter mit wolkenbruchartigem Hagel-schnee-regen. - Die Baugrube am Karlstor ist wieder voll Wasser gelaufen, der Neckar wehrt sich aufs äußerste gegen die Eingriffe. Und der Bau verzögert sich, bis der Kanal zwecklos geworden ist!
Ich bin jetzt recht ungeduldig, Dich endlich wieder zu sehen. Es ist recht schwer, Dich immer so überlastet zu wissen. - Ob Dir wohl der kleine Kasten für einen Augenblick Freude bereitet? Du sagtest zu Weihnachten: "da nimmt man eben ein Stück Holz -" nun, da habe es ich es genommen u. hoffe, daß das Resultat für Deinen Rasierapparat brauchbar ist.
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Sehr schöne Stunden habe ich mit den Notizen von Frl. Silber von Deinen Vorträgen an der Frauenakademie erlebt. Es sind nur die Stichworte, aber in ihrem klaren Aufbau wirken sie zu einem vollen Bilde, so wie sich das Auge bei einer künstlerischen Skizze die Plastik des vollen Lebens gestaltet. Es ist ein Hohes Lied wahrer Liebe - "sie ist nicht Schwäche, späte Müdigkeit, sondern größte Kraft" - u. damit klingt aufs tiefste Dein Kronstadter Vortrag zusammen, in den ich mich immer wieder vertiefe.
- Was wird nun mit dem armen Paul Krantz, wenn diese Gerichtsaffäre erledigt ist? Wird er nicht durch das alles in seiner Entwicklung völlig erschüttert sein? Diese Schaustellung vor der Öffentlichkeit muß ja wie Gift auf sein reizbares, phantastisches Gemüt wirken, besonders jetzt bei der körperlichen Erschöpfung. - -
- Wohin ist Frau Riehl zur Erholung gegangen? Und was wird dann inzwischen aus Klösterli?
Von Onkel Hermann hatte ich einen inhaltreichen Brief. Wie lange wird der Arme sich noch quälen müssen!
Dir, mein Liebstes, wünsche ich vor allem ausgiebigen Schlaf, damit Du die Strapazen ohne Schäden überstehen kannst. Kannst Du nicht irgend etwas zur Kräftigung tun, um die Nachwirkung der Grippe ganz zu überwinden? Wie ist es mit Kalzan oder sonst einem Nährsalz?
Ich grüße Dich vielmals. - Am Sonntag ist ja Susannes Geburtstag, (ebenso wie der des Onkels.) - Hoffentlich habt Ihr einen hübschen Feiertag zusammen!
Immer
Deine
Käthe.