Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. März 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. März 1928.
Mein liebstes Herz,
das war mir in der Tat nicht bewußt, daß die Schreibpause lang war. Aber Du mußt niemals denken, ich wäre verschnupft, denn dazu habe ich wirklich keinen Grund. Wenn mir auch zuweilen Dein selteneres Schreiben schmerzlich ist, so sehe ich doch ein, daß Du einfach nicht dazu kommst. - Ich sehe das doppelt ein, da es mir auch ohne Überlastung ebenso geht. Denn seit Weihnachten ist meine Energie so abgeblaßt, daß es ein Jammer ist. Ich schiebe das mit auf die Heizung. Du hast mich doch schon bei Deinem Hiersein darauf aufmerksam gemacht, daß der Ofen dunstet u. nach Deiner Abreise bei dem fortgesetzten Südwind wurde das geradezu unerträglich. Nicht nur meine eignen Kohlen, sondern auch die Heizung der unteren Stockwerke suchten den Ausweg durch meine Zimmer, sodaß ich nachts vor Gestank nicht schlafen konnte u. das Fenster weit offen halten mußte. Ofenputzer u. Schornsteinfeger fanden keine Ursache, aber es stellte sich heraus, daß die Kappe auf dem Schornstein verrostet war. Nun habe ich also einen neuen "Hut" bekommen, nämlich auf den Schornstein, der sich mit dem Winde
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| dreht u. seitdem ist alles herrlich. Aber ich bin doch überzeugt, daß ich viel giftiges Zeug in der Zeit vorher eingeatmet habe.
Um auszulüften haben wir nun also am Sonnabend den Weg vom Weissenstein gemacht. Aber Rösel Hecht u. Hedwig Mathy sagten ab, es blieben nur Frau Fürbringer, Aenne u. ich. Wir saßen wohl eine Stunde oben beim Kaffee in der Sonne u. die Natur war entzückend frühlingshaft. Ich grüßte vom Turm unsern Weg nach Ursenbach, u. war überhaupt in Gedanken bei Dir. Inzwischen hattest Du sicher meine Zeilen vom Freitag bekommen u. Deine Unruhe, die ich so sehr bedaure, war behoben. Ich hätte garnicht gedacht, daß Du bei Deiner Flut von Briefen nicht "im Grunde" froh wärst, wenn einer weniger kommt!
Der Weg vom Langen Kirschbaum herunter scheint mir aber doch für Aenne wieder zu viel gewesen zu sein, obgleich sie versichert, abwärts zu gehen strenge sie garnicht an. Gestern als "Sonntagsfeier" las ich mit ihr Deine "Verschulung". Es wurde mir dabei recht klar, wie sehr Du jedenfalls damit in ein Wespennest stichst, u. wie nötig es ist, daß Du durch Deinen gewichtigen Einfluß dem Schulfanatismus steuerst. Ich hatte gerade das, was Du an der dauernden "Ausbildung" tadelst
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| so recht an den Stolper Mädels beobachtet. Sie waren noch hier vollständig Schulkind. Und bei jedem Problem, das aufgeworfen wurde, hieß es: das haben wir schon in der Schule "gehabt". -
Ob die Bildungsverwässerung zu hemmen ist? Wenn überhaupt, dann bist Du es, der einen neuen Kurs einleiten kann.
- Ich brauche heute so unwillkürlich Seemannsbilder, da ich mich an die Lektüre des Tirpitzschen Buches gemacht habe. Günther hat es mir geliehen u. ich wollte es gern erst kennenlernen, ehe ich mich zum Kauf entschloß. Vielleicht nehme ich ja doch noch etwas ganz Andres! -
- - Die Arbeit für die Augenklinik ist beendet. Aber im Pathologischen steht mir noch manche "Überstunde" bevor. Auch Weidenreich ist wieder mit einer sehr mühsamen Sache heraus gerückt, u. der Stoß Geburtstagsbriefe liegt mahnend auf dem Schreibtisch. Dabei bin ich so rechtschaffen faul, daß es sehr aussichtslos damit ist. - Dir aber sende ich wenigstens ein Zeichen meines treuen Gedenkens
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| u. die Bitte, über mein Schweigen nicht böse zu sein. - Die Reichsentschädigungsamt ist doch hoffentlich nicht mit in dem Baukomplex am Fehrbelliner Platz? Es faßte mich ein gelindes Entsetzen bei dem Gedanken an diese Möglichkeit.
Viele innige Grüße von
Deiner
alten Schlafmütze.

[] Ich schrieb Dir wohl schon, daß ich wieder bei Mieze Ruge, Bayreuther Str. 49 eine Schlafstelle haben kann. -