Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juni 1928 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Juni 1928.
Tantchens Geburtstag.
Mein liebstes Herz!
Endlich ist das kleine Packet jetzt für Dich bereit, das schon vor Pfingsten hatte abgehen sollen. Es sind ja lauter Nichtigkeiten, aber sie zeigen Dir, wie ich beständig Dein gedenke. Solche Eierbecher kann man zu jedem beliebigen Termin verwenden. Die kleine Kupferplatte wäre vielleicht geeignet, an der Eingangstür an der Stelle befestigt zu werden, wo der schwarze Riegel immer anschlägt. Die Sachen alle haben den Vorzug, nichts zu kosten, denn sie lagen viele Jahre unbenützt bei mir. Die Platte sollte einmal geätzt werden, jetzt habe ich sie mit einer Punze geklopft, dann sieht man nicht, wo der Riegel sich eindrückt. Zähle die Löcher mal, mein Liebstes - so oft denke ich am Tage Deiner!
Es geht mir auch nicht gut. Aber wie hast Du die anstrengenden Tage in Weimar wohl ausgehalten? Mir hast Du Deine ganze Traurigkeit ins Herz gegossen u. ich grüble vergeblich, wie man Dir da heraushelfen könnte. Vor Jahr u. Tag hatte ich die Hoffnung, es werde zwischen Dir u. Susanne doch noch die tiefere Schicht zum Einklang kommen. Ich schrieb ihr zu Neujahr 1927: "es möge sich ihr Leben immer mehr wunschgemäß gestalten" - aus diesem Gedanken heraus. Wenn das aber in all der Zeit nicht kam, woher soll es kommen? Und doch - wie könnte man ihre Treue beiseite schieben? Ich kann nicht anders als dankbar sein für den Ausgleich, den Ihr fandet - der von Dir nicht ausgehen durfte, ohne einen falschen Schein zu erwecken, der aber doch eine Möglichkeit des Weiterlebens gab. - Wie schwer es trotzdem auf Dir lastet, das sehe ich wohl, u. fühle ich selbst nur allzu deutlich. Ich verstehe das Recht des Naturhaften,
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| u. achte es nicht gering. Aber ich weiß auch, daß es für das ganze Leben nur entscheidend werden kann, wenn es der Ausdruck des ganzen inneren Menschen ist. Sonst tauscht man nur die Art der Kämpfe u. keiner findet ein Glück dabei. Wie einschneidend aber für uns noch außerdem Deine ganz nahe Verbindung mit ihr sein müßte, das hast Du vielleicht längst gewußt, das stand aber erst jetzt auf einmal klar vor mir. Denn wie könnte ich noch Briefe schreiben, wenn ich wüßte, daß auch sie alles liest - Briefe, wie ich sie eben nur Dir schreibe, ganz so wie der Mensch mit sich selber redet. Oder wüßtest Du da einen Weg? Ich weiß nur, daß ich immer und unbedingt für Dich die Gleiche bin, ob ein äußeres Schicksal uns trennt oder nicht. - Vielleicht auch wandelt sich das Leben noch anders, als wir jetzt ahnen - wie wünschte ich es Dir!
Auch die praktischen Schwierigkeiten, die Dich umgeben, beschäftigen mich unausgesetzt. Bei Ruges habe ich erwähnt, daß Du 4000 M Hypothek suchst. Vielleicht wissen sie ja jemand - - Ob denn Herr Korte Dir auch in Bezug auf die Wasserverhältnisse genügend rät u. nicht Herrn Krahl möglichst schont? Ich sollte meinen, ein Naßlaufen des Kellers müsse unbedingt vom Baumeister beseitigt werden. Das ist doch ein grober Baufehler. - Ist Korte ganz gewiß nicht ein Octavio Piccolomini, der Dein Vertrauen nur anfangs verdiente? Das ist mir Besorgnis u. ich habe kein Urteil, wohl aber den Eindruck, daß man Deine Großzügigkeit ausnutzt. - Hast Du nicht aber zunächst noch einen guten Rückhalt auf der Bank? Ich meine das feste Conto. - Wer hat eigentlich die Fabel von dem Vorrang aufgebracht, den die Domäne gewähren würde?
Darf ich Dir nun noch ein wenig von hier berichten? Am Abend des letzten Concerts kam Walter. Das war sein Glück, denn sonst wären Aenne u. ich einigermaßen erboßt gewesen über die späte Stunde. Eine besondere Freude war es aber trotzdem nicht.
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| Er ist doch ein garzu schwieriger Mensch u. wir gerieten mehrfach hart aneinander. Bei der Fahrt auf den Weißenstein provozierte er einen solchen Krakeel mit dem Schaffner, daß es höchst peinlich war, u. für den ganzen Tag verstimmend blieb. - Daß ich auf jenen Wegen dort überall nur Erinnerungen aufleben sah, wirst Du wissen. -
Die Bildchen von Freienwalde sollten eigentlich nur dem Packet ein bißchen Reiz geben. Nun schickte ich sie voran, um Dir zu zeigen, daß ich auch in Gedanken dort war. Es sind nur Probeabzüge, ich denke, es wird noch bessere geben, wenn ich Zeit dazu habe. Augenblicklich bin ich nämlich wieder ziemlich eifrig beim Zeichnen, (4 Std. täglich), da Dr. Fürstenau neue Präparate hat. Es ist eine sehr eklige Arbeit, da die Sache keine Struktur hat, sondern wie ein Sternenhimmel über das Gesichtsfeld verteilt ist. - -
Deine Cigarrentasche habe ich jetzt hoffentlich von ihrem inneren Schaden geheilt. Und auch Dich möchte ich bitten, nach Möglichkeit zu heilen, was physisch heilbar ist. Ich schicke Dir das bewußte Mittel, schon geteilt, mit u. bitte Dich, es ganz regelmäßig anzuwenden. Auch den Puder versuchst Du vielleicht; kann sein, daß er erleichtert, kann sein, auch nicht - das muß man erproben.
Die kleine Spielhose für Renata Strasen gibst Du vielleicht der Mutter (nicht der unkonzessionierten, die hoffentlich abgereist ist!) mit einem freundlichen Gruß. -
Von [über der Zeile] Johanna Richter aus Glion u. Fräulein Kiehm kam eine Karte aus Holland. Sonst schweigt meine Post, da ich nicht schreibe. Ich bin zu müde u. zu sehr von Gedanken erfüllt, die nicht für andre sind. Leider habe ich das Schlafen verlernt, u. doch schlägt mir das Herz wieder freier seit Deinem letzten Brief. Denn da ist doch trotz allem wieder ein festerer Klang darin u. hat mir Antwort gegeben auf die bange Frage, ob wir denn wirklich nur der Spielball
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| unberechenbarer Kräfte sind. Wir wollten doch dem Leben einen bleibenden Sinn geben u. wollten ihn auch bewähren. Willst Du es auch von neuem versuchen? Du bist ja doch niemals ganz allein, u. ungesehen folgen Dir noch viele.
Du wirst keine Zeit haben diese lange Epistel zu lesen. Ich weiß, morgen abend machst Du das Colleg - ach, schreibe mir auch davon. Und dann noch eine Frage: was ist mit dem Citat aus Lienhard u. Gertrud? Ich finde es nicht. Meine Reklam-Ausgabe ist wohl anders eingeteilt. -
Die arme Dora Thümmel! Es ist doch wohl ein übles Zeichen, wenn man nicht operiert. - Also Frl. W. hat nun wohl die Bestätigung der Aufnahme? Wie geht es denn im Täglichen mit dem häuslichen Betrieb? Ist mal die Brockensammlung bestellt für Papier, den alten kleinen Gasherd, die alten Röcke etc.? (N. 31. Ackerstr. 52)
- Ob Du Adelheid inzwischen gesprochen hast u. Näheres hörtest? Es wird aber kaum Zeit gewesen sein, weder vor, noch nach Weimar. Wohin die Gedanken sich wenden, überall tauchen die Schatten auf. - Etwas auch beschäftigt mich immer wieder: Du schreibst von einem Telegramm, das ich 1915 schickte. Ich besinne mich vergeblich, daß ich u. was ich telegrafierte. Es scheint ungut gewesen zu sein; so laß uns lieber beide vergessen. Oder willst Du es mir sagen, damit ich es wieder gut mache?
Grüße die Freunde u. wenn Du Frau Hildebrandt siehst, empfiehl mich ihr. - Ich denke Dein in treuem Sinn.
Deine
Käthe.