Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Januar 1929 (Dahlem)


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7.1.29.
Mein innig Geliebtes!
Es ist ganz unerhört, daß ich Dir erst heute schreibe. Aber wann hätte es sein sollen, und worauf - da dieser Block liegen geblieben war? Ich danke Dir zunächst für 2 liebe Briefe (Nürnberg u. hier), für Packet und Ms., die alle gut eingetroffen sind.
Hier der Bericht: Bis Stuttgart gut, Wartesaal (Portwein), 3 ½ Stunden allein im Brutkasten, Auto, hielt mitten im Wald. Ein Haus wurde schließlich doch erkennbar, 50 vereiste Stufen mit Gepäck. Empfang. Schönes komfortables Zimmer, aber leider mit eisernem Puffofen, der morgens kalt, und nur 1 Stuhl.
Die Arbeitsgemeinschaft war schön und erfreulich. Freitag und Sonnabend Anfang um 9, Ende um 9; unmittelbar nach Tisch Spaziergang in den tief verschneiten, hügligen u. felsigen Wald (sehr hübsch) - also immer in Gesellschaft. Abends todmüde. Stoff direkt aus den Poten gesogen. Sonntag noch von 9-12. Dann Abschluß mit Musik. Sehr ergreifend: man führte ein reizendes kleines Kind herein, das mir
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| 3 schöne Rosen überreichte. Sanitätsrat Dr. Mainzer dankte bewegt. (der eröffnende Stadtschulrat war graulich.) Außer Frl. Geppert wertvollste Teilnehmerin Frl. Lampert aus Stuttgart, Begründerin der 1. und einzigen Mütterschule, Schwägerin des † Sohnes von Penck, schon im PFH. meine Schülerin. Befinden in N. war erträglich, ich hatte keine Zeit drauf zu achten. Heut war es wieder schlechter. Die eisigen eingefrorenen Appartements nicht angenehm.
Mit Auto u. Frl. Lampert um ¾ 2 mitten vom Essen an die Bahn. Der vornehme Dzug eisig kalt, weil m. Wagen kaputt u. die andern überfüllt. Hat aber nichts geschadet. Susanne an der Bahn. Strasen heut in 1000 Ängsten: Bei Arbeit am Beleuchtungskörpern kl. Kurzschluß: die Ampel im "Salon" entzwei. Ersatz für 9 M. Mich hat daran beunruhigt, daß er es zum Kurzschluß kommen ließ.
Hier unzählige Briefe u. Sendungen. Frl. Silber und ich haben den ganzen Vormittag daran gearbeitet. Von Schulte-Liese 3 Briefe, sehr lang, ich las gestern nur den letzten, in dem sie - um Verzeihung bittet. Aber völlig verworren, wie die vorangehenden auch. Inzwischen hat der Rechtsanwalt, der vielleicht schon Schritte getan
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| hatte, sich auch gemeldet. Er erbittet zunächst nur - 200 M!! Eine Weile muß das aber noch weitergehen.
Auf weiteres will ich heut nicht eingehen, weil die Zeit knapp ist. Nur innig danken möchte ich Dir noch für die schönen Tage in Heidelberg, die trotz allen körperlichen Mißbefindens seelisch ungetrübt schön waren und mich nach langer Zeit auch einmal wieder das Glück der Arbeit fühlen ließen.
Herzliche Grüße, auch von Frl. Silber
stets Dein
Eduard.