Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Januar 1929 (Dahlem)


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10.1.29
Mein innig Geliebtes!
Ich möchte Dir noch gleich sagen, daß der Akademievortrag ein voller Erfolg war, weit über das übliche Maß hinaus. Es blieb so etwas wie eine innere Bewegung zurück. Besonders Harnack hatte das Wesentliche erfaßt; aber auch Meinecke, Lenz, Ed. Meyer, Erman, Franke u.s.w. – alle hatten sich irgend etwas angeeignet; nur Herr v. Wilamowitz verharrte in Schweigen. Sehr wichtige Leute waren übrigens nicht da: Jaeger, Petersen, Burdach, Hintze, Brackmann. Aber die meisten wünschen das Ding gedruckt zu haben. Ich werde es nun wohl tun.
Meine Funktion als Direktor des Phil. Seminars habe ich zum 1. Mal seit 3 Jahren wieder betätigt, indem ich eine Stunde dort über Mittag schlief. Es war nicht ganz einfach: Ziegenfuß, der Assistent, der eigentlich Siebenfuß (wegen Länge) heißen müßte, machte vorher die Honneurs; Dilthey sah aus einem furchtbaren Bild wie ein bösartiger Affe heraus, und
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| hinterher erkundigten sich Siebenfuß und Prinz Louis Ferdinand nach dem Erfolg des Schläfchens.
Die Korrespondentin hat nach 5 Briefen in einer Woche anscheinend den Atem verloren. Ich bin nun neugierig, wie viel der Rechtsanwalt an dieser Sache zu verdienen gedenkt. Die Pause wurde durch die Krebs ausgefüllt, deren Brief mit "Annahme verweigert" zurückging, und heute stand die Genia da, wo ich vor dem Kolleg auf der Treppe Station mache. Kann einen das nicht ekeln? –  –
Etwas Betrübliches wollte ich schon das vorige Mal schreiben: Du bist zu "offenherzig". Beim Reden in Nürnberg fand ich plötzlich das Herzchen offen. Das Bild war herausgefallen. Glücklicherweise fand ich es später in m. Zimmer wieder. Ich werde es aber nicht wieder hineintun. Denn die Kapsel klappt immer wieder auseinander. Anbei die Antwort des Herrn Wolf. Ich wende mich nun zu den nächsten Themata: besonders zu Delekats Habilitation und zur Verlängerung der Volksschulpflicht.
Muthesius feiert am 16.I. seinen 70. Geburtstag. Du könntest ihm vielleicht nach Jena in die Medizinische Klinik schreiben. Der Arme hat einen Rückfall erlitten – es sieht wohl recht ernst aus. Dies schreibe ich in der 15. Stunde m. Arbeitstages. Daher Schluß <li. Rand> u. viel herzliche Grüße Dein Eduard.